New York - Ob der Nachbar, der Chef oder Promis wie Bill Gates und Kim Kardashian: Wochenlang schien sich so gut wie jeder einen Eimer Eiswasser über den Kopf zu kippen. Nach dem Abebben der "Ice Bucket Challenge" bleibt die Frage: Was wird jetzt aus den Spenden?

Der Schauspieler Robert Downey Jr. ging das Ganze im Whirlpool an, Microsoft-Gründer Bill Gates im blauen Hemd und Hollywood-Star Tom Cruise auf einem Stuhl sitzend mitten in einem Feld. Auch Michael Otto, Aufsichtsratsvorsitzender der Otto Group, nahm die Herausforderung an. Eiskalt sollte es allen werden. Die "Ice Bucket Challenge" hat sich in den vergangenen Wochen zum weltweiten Phänomen entwickelt: Ob Hollywood-Star, Politiker, "Wort zum Sonntag"-Pfarrer, Spitzensportler, Unternehmer oder auch einfach nur der Chef, die Freundin und der Nachbar - so gut wie jeder schien sich in den vergangenen Wochen freiwillig einen Eimer Eiswasser über den Kopf zu kippen und ein Video davon zu veröffentlichen.

Bleibt nach dem Schmelzen der Eiswürfel und dem Abebben des Phänomens die Frage: Was hat das Ganze für den eigentlichen Anlass der Aktion gebracht, nämlich dem Spendensammeln im Kampf gegen die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), einer Krankheit, die zu Nervenzerstörungen und fortschreitenden Muskellähmungen führt? Wie viel Geld ist zusammengekommen und was passiert jetzt damit? Denn die Anweisungen der "Ice Bucket Challenge" waren ja eindeutig: Wer die Herausforderung nicht annimmt, soll spenden, und wer sie annimmt idealerweise auch.

Seine Meinung dazu sei nach wie vor eindeutig, sagt Thomas Meyer von der ALS-Ambulanz der Berliner Charité. "Eine medizinisch, gesundheitspolitisch und gesellschaftlich wertvolle Aktion." Für die
deutsche ALS-Hilfe haben seinen Angaben zufolge seit Beginn des "Ice Bucket Challenge"-Phänomens bis Mitte September mehr als 35 000 Menschen insgesamt rund 1,4 Millionen Euro gespendet - deutlich mehr als sonst. Dieses Geld soll einerseits in der Ambulanz bei der Betreuung der rund 800 Betroffenen und andererseits zur Forschung zum Beispiel an Medikamenten eingesetzt werden.


In den USA, wo die "Eiseimer-Herausforderung" herstammt, sind bis Mitte September rund 114 Millionen Dollar (etwa 88 Millionen Euro) an Spendengeldern bei der
ALS Association eingegangen. Das habe alle Erwartungen übertroffen, sagt die Chefin der Hilfsorganisation, Barbara Newhouse. "Diese Spenden werden unseren Kampf gegen ALS auf eine Art und Weise befeuern, wie wir das nie für möglich gehalten hatten." Normalerweise hat die ALS Association nach eigenen Angaben ein Jahresbudget von rund 25 Millionen Dollar. Die Spenden will sie nun für Forschung, Patientenbetreuung und Aufklärung über die Krankheit einsetzen. Immerhin sieben Prozent des Budgets flossen im vergangenen Jahr allerdings auch in die Verwaltung.


Kritiker haben die "Ice Bucket Challenge" als oberflächlich und eine "Fundgrube für Narzissten" bezeichnet, aber auch sie müssen angesichts der unzähligen Videos, Kommentare im Internet und Berichterstattung in den Medien weltweit eingestehen, dass der Kampf gegen ALS so zumindest mehr Aufmerksamkeit bekommen hat.

Und Aufmerksamkeit und Spenden seien dringend nötig, sagen Experten, denn die Krankheit ist immer noch unheilbar und über ihre genauen Ursachen und Mechanismen ist bislang wenig bekannt. Klar ist: Die Betroffenen können sich im Verlauf der Erkrankung nicht mehr bewegen, und haben Schwierigkeiten beim Schlucken, Sprechen und Atmen. Das Bewusstsein und der Intellekt bleiben aber in der Regel intakt. Etwa die Hälfte der Patienten stirbt innerhalb der ersten drei Jahre, meist an Atemlähmung. Die meisten Fälle treten spontan auf. Am häufigsten erkranken Menschen im Alter von 50 bis 70 Jahren, Männer etwas häufiger als Frauen.

ALS ist keine Volkskrankheit. Es sind vergleichsweise wenig Menschen betroffen, in Deutschland etwa 8000. Deswegen ist es für Forschungseinrichtungen und Hilfsorganisationen normalerweise sehr schwer, an Spenden zu kommen. Die "Ice Bucket Challenge" könnte der Forschung einen finanziellen Schub verliehen haben, vermuten Experten - und auch andere Hilfsorganisationen könnten daraus für ihre Internet-Spendenkampagnen einiges lernen.