Hannover - Ein Tier gibt keine Widerworte und erteilt keine guten Ratschläge. Auch aus diesem Grund können Vierbeiner Helfer bei der Therapie psychisch kranker Menschen sein. Die Krankenkassen übernehmen die Leistungen allerdings bisher nicht.

Es sind nur kurze Momente der Begegnung: Einmal im Monat fahren Psychiatriepatienten aus Hannover in den Serengeti-Park in der Lüneburger Heide, wo sie Giraffen füttern oder Äffchen streicheln dürfen. Die Besuche im Tierpark legten verschüttete Emotionen frei und hätten positive Effekte auf die Therapie, urteilt der Leiter des Projektes, Andreas Wessels. Um wissenschaftliche Belege dafür zu finden, begleitet die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) die Ausflüge ihrer Patienten mit einer auf fünf Jahre angelegten Studie.

Die tiergestützte Therapie boomt bundesweit: Private Anbieter suchen mit Hunden oder Meerschweinchen Demenzkranke in Heimen auf, geistig beeinträchtigte Kinder gehen zum therapeutischen Reiten und depressiven Menschen sollen Spaziergänge mit einem Lama am Führstrick helfen. Vor drei Jahren stiegen drei MHH-Patienten sogar ins Becken zu den Seelöwen vom Circus Krone und ließen sich durchs Wasser ziehen. Dies erinnerte an die umstrittene Delfin-Therapie, bei der langfristige positive Effekte von Forschern bisher nicht nachgewiesen werden konnten.

In der Uniklinik der niedersächsischen Landeshauptstadt gibt es auch im Alltag einen tierischen Begleiter. Stationshündin Juli wurde für ihre Aufgaben speziell ausgebildet. "Sie wird von den Patienten als Trösterin und Zuhörerin erlebt", berichtet Psychotherapeut Wessels. Darüber hinaus fordere der Beagle die Patienten aktiv zum Spielen auf, etwa wenn er einen Ball hinlegt. "Tipps und Ratschläge helfen psychisch kranken Menschen oft nicht weiter. Ein Tier fragt nicht jeden Tag: "Wie geht es uns denn heute?"", beschreibt Wessels die Vorzüge des Vierbeiners.

Ingrid Stephan leitet das
Institut für soziales Lernen mit Tieren in Lindwedel im Heidekreis und engagiert sich im Berufsverband Tiergestützte Therapie, Pädagogik und Fördermaßnahmen. "Die Akzeptanz für unsere Arbeit nimmt kontinuierlich zu. Was wir jetzt brauchen, sind einheitliche Qualitätsstandards", sagt die Pädagogin, die seit mehr als 20 Jahren Tiere unter anderem in der Arbeit mit behinderten Kindern einsetzt. Wichtig sei eine vernünftige Qualifikation der Anbieter, betont sie: "Wenn ich mit einem Autisten arbeite, kann ich keinen fröhlich-distanzlosen Hund nehmen."


Zu den vielen Anbietern zählt die Orenda-Ranch im bayerischen Burglauer, die mit den Heiligenfeld-Kliniken in Bad Kissingen kooperiert. Ein Schwerpunkt liegt auf der Lama-Therapie. "Die Lamas eignen sich gut für ängstliche Menschen. Sie spüren, ob jemand unsicher oder klar ist", sagt die Gründerin der Ranch, Birgit Appel-Wimschneider.

Positive Auswirkungen von Tieren auf die Gesundheit sind unbestritten. Schon der berühmteste Arzt der Antike, Hippokrates, berichtete vom heilsamen Rhythmus des Reitens. Laut einer US-Studie verringert eine Katze im Haushalt die Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden. Allerdings übernehmen die Krankenkassen für tiergestützte Therapien in der Regel keine Kosten, weil ihr therapeutischer Nutzen aus Sicht der Versicherungen nicht ausreichend nachgewiesen ist.