Berlin - Krebs mit Anfang 20 - das ist selten. Umso schwieriger ist die Situation für Betroffene. Auch weil die Therapien unfruchtbar und arbeitsunfähig machen können. Nun wollen Mediziner verstärkt handeln.

Geheilt oder nicht? Das erfährt Bernd Zienke in rund fünf Jahren. Eine lange Zeit für einen 22-Jährigen. Alle drei Monate muss er sich bis dahin untersuchen lassen. Nicht einmal ein Jahr ist es her, dass er wegen Darmkrebs operiert wurde, die Chemotherapie hat er seit September hinter sich. Zienke gehört zu den Patienten, denen eine
neue Stiftung besser helfen will: jungen Menschen mit Krebs.


Zwar sind nur rund drei Prozent aller neu diagnostizierten Krebspatienten in Deutschland zwischen 15 und 39 Jahren alt. Gerade diese Seltenheit aber halten die Mediziner hinter der Stiftung für tückisch. Denn die jungen Patienten befinden sich in einer völlig anderen Lebenssituation als die meisten älteren Krebspatienten: Sie sind in der Ausbildung, wollen vielleicht bald Kinder bekommen und haben sich wohl selten mit dem Tod auseinandergesetzt.

"Mit der Diagnose konnte ich zunächst nicht viel anfangen", erzählt Zienke. "Ich wusste, dass es etwas Schlimmes ist." Angefangen hat es bei ihm mit leichten Bauchschmerzen, die er für eine Muskelzerrung hält. Als ein Familienmitglied ihn eines Abends ins Krankenhaus bringt, weil er sich kaum noch bewegen kann, wird er abgetastet und entlassen. Am nächsten Tag geht er wieder arbeiten.

Er ist damals noch in der Probezeit, als Elektroniker für Betriebstechnik im Anlagenbau. Auf der Baustelle packt er oft mit an. Weil die Schmerzen anhalten, geht er schließlich zum Hausarzt, der sein Blut untersuchen lässt. Schnell erkennen die Ärzte nun, was los ist.

Er wird operiert und ist nach zwölf Tagen wieder zu Hause. Dort bleibt er für sieben Wochen. Parallel zur Arbeit beginnt schließlich die Chemotherapie: "Es wurde mit der Zeit immer unverträglicher, ich hatte immer mehr Schmerzen und wurde unkonzentrierter", sagt Zienke. Den Schraubenschlüssel, den er neben sich legt, findet er wenige Minuten später nicht wieder.

Langfristig werden nach Daten der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DHGO) mehr als 80 Prozent der jungen Krebspatienten geheilt. Neben Kindern mit Krebs hat die Altersgruppe am längsten mit den Folgen der Anti-Tumor-Therapien zu kämpfen, wie Professor Volker Diehl aus dem Kuratorium der Stiftung für Junge Erwachsene mit Krebs sagt. Die Folgen für Sexualität und Kinderwunsch seien häufig gravierend. Dabei gebe es Möglichkeiten, die Fruchtbarkeit zu erhalten - wenn sie denn frühzeitig aufgezeigt würden.

Die Stiftung will passgenaue Angebote schaffen: zum Beispiel Chats im Internet, damit sich Patienten austauschen können. Denkbar seien auch Programme, die Armut vorbeugen und bei der Rückkehr ins Berufsleben helfen. Bernd Zienke hatte Glück: Sein Arbeitgeber hielt trotz Fehlzeiten und Ungewissheit an ihm fest.

Manche haben nach der Therapie noch lange mit schwerer Müdigkeit zu kämpfen. Daneben leiden die jungen Patienten auch unter Einschränkungen im sozialen Bereich, haben psychische und finanzielle Problemen, wie Forscher in dem
Projekt AYA (Adolescents and Young Adults) am Uniklinikum Leipzig herausgefunden haben. Knapp 120 Betroffene wurden zu ihrer Situation befragt. Projekte wie dieses gibt es hierzulande erst seit wenigen Jahren. Ebenso selten sind spezialisierte Rehakliniken, sagt Professor Ulrich Keilholz vom
Comprehensive Cancer Center der Berliner Charité (CCCC).


Fünf bis acht junge Krebspatienten werden dort in der Regel stationär behandelt, viele weitere ambulant. "Die Situation ist unbefriedigend", sagt Keilholz. Die Patienten seien oft zwischen Pädiatrie und Erwachsenenmedizin angesiedelt: Manche seien eher "alte Kinder", andere würden mit der Krankheit kindlicher. Am CCCC überlege man deshalb, eine Station eigens für diese Patienten zu schaffen.