Kiel - Sie sind weit verbreitet. Und sie nehmen mit der alternden Gesellschaft zu: Fibrosen schädigen Leber, Lunge, Niere oder Herz. Die gute Nachricht: Nimmt man ihren Reiz weg, bildet sich das Narbengewebe manchmal wieder zurück.

Wenn man es genau nimmt, sind Organfibrosen gar keine Krankheit. "Eine Fibrose ist ein Prozess, der bei vielen Krankheiten auftritt und die Organe so verändert, dass sie nicht mehr richtig arbeiten können", erklärt Prof. Ulrich R. Fölsch, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Auslöser sind chronische Schädigungen, zum Beispiel Entzündungen.

Als Reaktion auf die Schädigung wird in den Bindegewebszellen vermehrt Kollagen gebildet. Dieses bildet im Körper den Kitt zwischen den Zellen. Nimmt er überhand, können die Zellen nicht mehr richtig miteinander kommunizieren, keine Stoffwechselprodukte mehr tauschen und ihre Aufgaben nicht mehr erledigen.

Ausgelöst werden die Schädigungen etwa durch hohen Blutzucker, Bluthochdruck, hohen Alkoholspiegel, Allergien, eine Infektion wie Hepatitis C oder eine chronische Entzündung. Ist der Reiz dauerhaft vorhanden, werden die ausdifferenzierten Zellen der Organe mit der Zeit durch Narbengewebe ersetzt. Dieser unerwünschte Bindegewebszuwachs ist das typische Kennzeichen aller Fibrosen.

Betroffen davon sind Organe wie Leber, Niere, Lunge, Bauchspeicheldrüse, aber auch Haut, Auge, Knochenmark oder Herzmuskel. "Auch die Herzschwäche im Alter ist eine Folge der Erschöpfung des Muskels und fibrotischer Prozesse", sagt Fölsch. Eine Krankheit wie die Arteriosklerose gehört ebenso zu den sogenannten fibrotischen Vorgängen.

Dass die meisten Menschen bislang kaum von Organfibrosen gehört haben, hat einen einfachen Grund: Die Erkrankungen werden meist anders genannt. Wenn Nieren an einem Bluthochdruck- oder einem Diabetesschaden zugrunde gehen, heißt das in der Fachsprache hypertensive oder diabetische Nephropathie. Korrekter wäre eigentlich: Nierenfibrose.

Und bis auf wenige Ausnahmen entsteht auch Leberkrebs immer aus einem fibrotisch veränderten Organ. "Ein Bronchial- oder ein Leberzellkarzinom sind am Ende der Eisberg, der oben rausguckt. Darunter verbirgt sich in der Regel als Basis die Fibrose", erklärt Prof. Christian Trautwein vom Universitätsklinikum Aachen. Er ist Sprecher des bundesweit einzigen Sonderforschungsbereichs zu Organfibrosen.

Prinzipiell kann dieser Prozess aber auch umgekehrt werden: "Das ist das Schöne: Das System ist plastisch. Wenn man bei der Leber den Alkohol als chronischen Reiz wegnimmt, bilden sich die Vernarbungen zurück", sagt Trautwein. Erst wenn der \'Point of no return\' überschritten sei, bleibt die Vernarbung - und als letzte Therapieoption meist nur die Transplantation des Organs.

Das soll sich aber bald ändern: "Ein großes Ziel unserer Forschung ist es, herauszufinden, welche Moleküle bei welcher Form der Fibrose beteiligt sind", sagt Prof. Christian Kurts, Direktor des Instituts für Experimentelle Immunologie des Universitätsklinikums Bonn, das Teil des Sonderforschungsbereichs zu Organfibrosen ist. "Immunmechanismen und Entzündungsvorgänge sind bei den meisten fibrotischen Erkrankungen von zentraler Bedeutung."

Die Achse zwischen den Bindegewebs- und den Entzündungszellen stellt nach Ansicht seines Kollegen Trautwein den zentralen Mechanismus dar, den man manipulieren kann. Die Forscher in Aachen und Bonn wollen daher an beiden Enden angreifen: Ziel ist einerseits, die überschießende Kollagenproduktion in den Bindegewebszellen zu hemmen. Andererseits werden auch die Entzündungszellen, die die chronische Entzündung vermitteln und so die Kollagenproduktion anheizen, ins Visier genommen. "Man kann aber nicht sagen, es gibt einen Mechanismus und wenn man den hemmt, dann funktioniert der bei allen Arten von Fibrosen", sagt Kurts.

Ein großes Problem bei der Suche nach einer geeigneten Therapie: Fibrosen haben einen biologischen Sinn. "Das sind eigentlich Heilungsvorgänge. Wenn man die mit Medikamenten hemmt, nimmt man sehr viele Nebenwirkungen in Kauf", erklärt Kurts. Bis wirksame Therapien tatsächlich die klinische Praxis erreichen, setzen Mediziner daher vor allem auf Prävention. "Chronische Entzündungen sollten grundsätzlich nicht auf die leichte Schulter genommen werden", warnt Fölsch. Und Trautwein fügt hinzu: "Hausärzte sollten viel sorgsamer auf chronische Entzündungen achten und ihren Patienten klar machen, dass diese in den verschiedenen Organen zu Vernarbungen führen."