Kamp-Lintfort - Die Hand fühlt sich an wie immer, die Haut auf der Wange ist warm, der Brustkorb hebt und senkt sich. Und doch ist der Mensch auf der Intensivstation tot, hirntot. Nur die Maschinen arbeiten.

Intensivmediziner Gero Frings weiß, wie schwer diese Wahrheit Verwandte trifft - auch wenn sie es vielleicht schon irgendwie gespürt haben, dass der Körper leblose Hülle ist. Dann steht diese Frage unweigerlich im Raum, die Frage nach der
Organspende.


Für Ulrike Wirges gehört das zu den schwierigsten Aufgaben eines Mediziners: Erst müsse er die Todesnachricht überbringen. "Wenn die Botschaft von den schwerst betroffenen Angehörigen verstanden wird, dann muss man im nächsten Schritt eine Antwort auf die Frage nach der Organspende finden: Was hätte der Verstorbene gewollt?" Wirges ist geschäftsführende Ärztin der
Deutschen Stiftung OrgantransplantationNordrhein-Westfalen.


Als Organspendebeauftragter gehört Gero Frings zu den Medizinern, die solche Gespräche führen. Seit über 20 Jahren hat er Erfahrung mit Hirntoddiagnostik und Organspende, zuerst am Klinikum Duisburg, jetzt im niederrheinischen Kamp-Lintfort. Er ist Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft Organspendebeauftragte NRW. Der 52-Jährige weiß, wie sehr die Angehörigen die Frage umtreibt, wenn der Gestorbene sich zu Lebzeiten nicht entschieden hat: Was hätte dieser Mensch gewollt?

Das
Transplantationsgesetz schreibt den Hirntod als Voraussetzung für Organspenden zwingend vor. Wenn sich der Mensch vor seinem Tod nicht selbst festgelegt hat, müssen die Verwandten nach dem geäußerten oder mutmaßlichen Willen entscheiden. Ärzte wie Frings helfen dabei, den mutmaßlichen Willen zu ergründen. Er weiß, wie schwer sich viele damit tun: Was war das für ein Mensch? Anderen zugewandt, hilfsbereit, sozial engagiert? Es ist eine Spurensuche nach der "wahrhaftigen Entscheidung" - egal ob Ja oder Nein.


Seine zentrale Botschaft bei dem Gespräch in seinem Büro im St. Bernhard-Hospital: Egal ob für oder gegen die Organspende - aber entscheidet Euch, mit einem Organspendeausweis. Davon wird er später bei der Verabschiedung gleich ein ganzes Päckchen mitgeben, für die Kollegen. In Deutschland hat nur knapp jeder Dritte einen Organspendeausweis. Daneben gibt es auch Patientenverfügungen mit einer klaren Aussage zur Organspende.

Frings ist bei aller Konfrontation mit dem Tod ein dem Leben zugewandter Mensch. Er spielt in der Klinik-Band Schlagzeug, hat gerade mit Kollegen das Programm für einen Auftritt abgesprochen. Von seinem Schreibtisch aus guckt er auf das eingerahmte Foto von einer "Jungs-Tour" mit seinem Bruder auf dem Motorrad. Daneben ein Foto vom Matterhorn im Schnee. Er hat zwei Töchter.

Der Intensivmediziner erzählt von der Mutter eines Jugendlichen, der sich das Leben genommen hatte. Die Mutter saß bei ihrem Jungen, der künstlich beatmet wurde. "Nach mehr als einem Tag ist die Mutter von alleine auf uns zugekommen und hat gefragt, was denn nun ist. Ob wir denn nicht über Organspende reden wollten", sagte Frings. Reaktionen von Menschen in Extremsituationen passen eben in keine Schublade.

Wenn Angehörige der Spende zustimmen, ist das Kapitel für viele längst nicht abgeschlossen. Wenn sie wollen, bekommen sie von der Deutschen Stiftung Organspende einen Brief mit ungefähren Angaben des Empfängers, etwa so: eine 38-jährige Frau, die seit zwölf Jahren auf eine Spenderniere wartete und kaum noch dialysiert werden konnte, hat endlich eine Niere bekommen.

"Das ist dann der Moment, wo dann die Angehörigen doch noch mal auf mich zukommen", erzählt Frings. Sie fragen genauer nach: Wie geht das mit der Transplantation, was passiert technisch, medizinisch? Die Organspende wirke bei ihnen weit über die Transplantation hinaus nach. Hat jemand seine Entscheidung bereut? Frings weiß es nicht. Bisher hatte er nur zu denen Kontakt, die nicht bereut haben.