München - Gefühlsstörungen, Lähmungen, Kraftlosigkeit: Die Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste neurologische Erkrankung junger Erwachsener. Sport und neue Wirkstoffe sollen helfen, den schleichenden Verfall der Nervenfunktionen zu verlangsamen.

Bei den meisten MS-Betroffenen geht der in den Anfangsjahren schubförmige Verlauf irgendwann in eine dauerhaft fortschreitende Form über. "Multiple Sklerose bedeutet nicht, dass man morgen im Rollstuhl sitzt. Das ist ein Trugschluss, der leider das öffentliche Bild der MS beherrscht und es in Richtung der schweren Verläufe verzerrt", sagt Prof. Reinhard Hohlfeld vom Institut für Klinische Neuroimmunologie der Uniklinik München.

Der Verlauf einer MS kann von Patient zu Patient sehr unterschiedlich sein. Typischerweise verläuft die MS in Schüben. Die Betroffenen haben im Laufe von Wochen oder Monaten immer mal wieder über Tage oder Wochen - neurologische Ausfallerscheinungen. "Die MS kann sehr viele verschiedene Symptome hervorrufen, je nachdem welche Orte im Nervensystem betroffen sind", erklärt Hohlfeld. Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems.

Stellt man sich die Nervenfasern des Körpers als biologische Kabel vor, dann greift die Entzündung ihre Schutz- und Isolierschicht an. Im Körper besteht sie aus der Myelinhülle. Ist diese Myelinschicht gestört, können die Signale nicht so wirkungsvoll übertragen werden. Die Folge: MS-Patienten haben Gefühlsstörungen oder Lähmungen, spüren Kribbeln, sehen Doppelbilder oder fühlen sich kraftlos und stolpern deshalb häufiger.

Nach Angaben der
Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) leben in Deutschland rund 130 000 Betroffene. "Insgesamt ist das Spektrum der Medikamente zur Behandlung der schubförmigen MS inzwischen so groß, dass man für die meisten Patienten etwas Passendes findet", sagt Hohlfeld. "Allerdings sind die verfügbaren Substanzen sehr teuer und sie müssen zumeist über viele Jahre oder sogar lebenslang eingesetzt werden." Weiteres Manko: Zu einer Heilung führen sie nicht.


Eine Phase-II-Studie mit dem Wirkstoff Anti-LINGO habe vielversprechende Ergebnisse geliefert, sagt Prof. Christoph Heesen von der Neurologischen Poliklinik des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Und in einer weiteren Phase-II-Studie hat der Cholesterinsenker Simvastatin den allmählichen Verlust der Hirnsubstanz (Hirnatrophie) verlangsamt. Ob daraus zugelassene Medikamente für MS-Patienten werden können, steht wie immer in der Frühphase der Medikamentenentwicklung in den Sternen.

Sofort umsetzbar sind die Ratschläge, die Heesen als Ärztlicher Leiter einer Multiple Sklerose-Tagesklinik seinen Patienten gibt. "Auch wenn die medizinische Beweislage noch nicht überwältigen ist: Wir raten unseren Patienten Sport zu treiben und bieten ihnen ein individualisiertes Sportprogramm an." Der Effekt von Sport auf die Neurodegeneration werde noch zu wenig beachtet. Eine eigene Studie mit 40 Teilnehmern habe 2014 hoffnungsvolle Ergebnisse gezeigt: Nach acht Wochen regelmäßigen Trainings auf einem Ergometer konnten die MS-Patienten Heesen zufolge nicht nur besser laufen, auch die Gedächtnisleistungen und die Konzentrationsfähigkeit seien gestiegen.