Düsseldorf - Diese Zinsen kann man vor dem Kamin oder zu einem guten Essen genießen: Für Investitionen geben Weingüter Genussscheine heraus, der Zins fließt als Wein. Für Finanzexperten steht bei dem Produkt freilich mehr der Genuss im Vordergrund als die Rendite.

Besonders Weinliebhabern könnte diese Geldanlage schmecken: Per Genussschein leiht der Investor sein Geld einem Weingut, die Zinsen fließen in flüssiger Form als Riesling, Spätburgunder oder Silvaner. Für eine Einlage von mindestens 2500 Euro und fünf Jahren Laufzeit bekommt man beispielsweise derzeit beim
Mosel-Weingut Kuntz in Lieser sechs Prozent. Beim Ökoweingut Pix am Kaiserstuhl gibt es 7,5 Prozent Naturalzins bei einer Einlage von 1000 Euro. In Zeiten niedriger Bankzinsen für Sparer klingt das verlockend.


"Ich war mit meiner Idee vor 20 Jahren eine Pionierin", erzählt Sybille Kuntz in Düsseldorf, wo sich die Branche zur Leitmesse "
Pro Wein" (23. bis 25. März) trifft. Anfang der 1990er-Jahre plagte die Winzerin ein Problem: Sie wollte mit ihrem 2,5 Hektar großen Weingut expandieren, erntete aber von den Banken nur Absagen. So kam ihr die Idee mit dem Naturalzins. "Das ist schließlich das älteste Tauschmittel, das es gibt."


Das ungewöhnliche Investment fand auf Anhieb Geldgeber. Besonders, nachdem 1995 ein Magazin darüber berichtet hatte, stand das Fax nicht mehr still. "Viele meiner Kunden waren Unternehmer, kannten aus eigener Erfahrung die Probleme mit der Bank - und stiegen ein", erzählt Kuntz. Inzwischen ist das Weingut 13 Hektar groß, derzeit sind rund 100 Genussscheine vergeben. Und die Winzerin hat weitere Pläne: "Wir haben noch Weinberge in erster Lage gekauft, die müssen bepflanzt werden. Zudem wollen wir den Keller erweitern", berichtet sie.

Ihre Idee habe viele Nachahmer gefunden - nicht nur aus der Branche, erzählt Kuntz. Beispielsweise habe sich die Erbin einer Matratzenfabrik überlegt, Investoren mit ihren Schlafstätten auszuzahlen. Auch eine Blumenhändlerin und eine Brauerei interessierten sich.

"Eine richtige Geldanlage ist das nicht", sagt Finanzexperte
Valentin Brodbecker aus Mainz. Aber natürlich ein gutes Marketing-Instrument, um Kunden zu binden. "Wichtig ist natürlich, dass mir die Weine des Winzers auch schmecken", sagt Brodbecker. Zudem sollte der Geldgeber bedenken, dass künftig eine gewisse Anzahl Flaschen von einem Winzer im Keller landen - "und Wein lebt ja auch von der Vielfalt".


Das Weingut Caspari in Traben-Trarbach gibt seit 2009 Genussscheine heraus, um die Bewirtschaftung seines Weinbergs "
Enkircher Ellergrub" zu finanzieren. Die Steillage ist besonders arbeitsintensiv, unter anderem müssen die Trockenmauern regelmäßig gepflegt werden, wie Winzer Albrecht Eggert erklärt. Die 120 Genussscheine seien jedes Jahr ausverkauft. Derzeit kosten sie 100 Euro, dafür gibt es im Folgejahr zwölf Riesling-Flaschen "Enkircher Ellergrub", die beim Weingut für rund 13 Euro gelistet sind.


Auch beim Weingut Pix im badischen Ihringen steckt hinter den Genussscheinen ein spezieller Weinberg - der "Wildenstieg". "Wir wollten den Terrassen-Weinberg für die Kulturlandschaft erhalten, das ist mit vielen Kosten verbunden", erzählt Helga Jakob-Pix. Auf jungen Rebanlagen wächst dort inzwischen Grauburgunder heran.

Das Weingut Pix hatte 2010 erstmals Genussscheine herausgegeben, damals musste ein alter Stall in ein Weinlager umgebaut werden. Derzeit halten rund 60 Kunden einen Anteil - in einigen Jahren könnten dann die Zinsen in Form von Grauburgunder vom "Wildenstieg" fließen.