Stuttgart - Ob man an Adventssonntagen shoppen gehen kann, ist eine Frage des Bundeslandes: Mancherorts dürfen Geschäfte vor Weihnachten an zwei Sonntagen öffnen, in anderen Ländern gar nicht. Betroffene Einzelhändler fürchten nun Einbußen.

Kurz vor Weihnachten und noch keine Geschenke gekauft? Für so manchen käme ein verkaufsoffener Sonntag da wohl gerade richtig. Für die Händler ist das allerdings nicht ganz so einfach: Während die Geschäfte in Berlin und Sachsen sogar an zwei Sonntagen im Advent öffnen dürfen, müssen die Läden etwa in Baden-Württemberg komplett geschlossen bleiben. So mancher Einzelhändler fürchtet deswegen um seine wichtigen Weihnachtsumsätze.

"Für den einen oder anderen ist das schon schmerzhaft", sagt Sabine Hagmann, Geschäftsführerin vom Handelsverband Baden-Württemberg. "Es ist schon so, dass wir an der Stelle Umsätze verlieren." Wenn die Familie gemeinsam Geschenke auswählen wolle, bleibe häufig nur der Sonntag - und dann verlagere man den Einkauf eben ins Internet. "Außerdem besteht die Gefahr, dass der Umsatz in benachbarten Bundesländern gemacht wird, in denen sonntags geöffnet ist."

Tatsächlich sind die Öffnungszeiten an Sonn- und Feiertagen je nach Bundesland unterschiedlich geregelt. Das Ladenöffnungsgesetz orientiert sich dabei an einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2009. Damals hatten die Richter auch die Berliner Regelung mit vier verkaufsoffenen Adventssonntagen beanstandet.

Inzwischen kann in der Hauptstadt "nur" noch an zwei Sonntagen in der Weihnachtszeit eingekauft werden - und das nur im Rahmen von entsprechenden Großveranstaltungen.

Damit trägt die Rechtsprechung auch der Kritik der Kirchen Rechnung.
Sonntage in der Adventszeit bedürften eines besonderen Schutzes, sagt Hans Ulrich Anke, Präsident der Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland. "Eine blockartige Aufhebung der Sonn- und Feiertagsruhe im Advent liefe dem gebotenen Wechsel zwischen geschäftigem Tun und lebensdienlicher Ruhe erst recht zuwider."


Auch Arbeitnehmervertretern ist das Thema ein Dorn im Auge: "Wir brauchen eine bundesweite Regelung zum Schutz der Feiertage und der Sonntage", sagt Verdi-Handelsexperte Ulrich Dalibor. Die Arbeit im Weihnachtsgeschäft sei für Beschäftigte mit enormem Stress verbunden - und der sei bei Sonntagsarbeit in dieser Zeit besonders hoch.

Beim Handelsverband sieht man das etwas anders. "Auch die Mitarbeiter profitieren von den Sonntagsöffnungen. Niemand arbeitet an sieben Tage in der Woche", betont ein Sprecher.

"Natürlich könnten die Kunden auch an anderen Tagen in die Geschäfte gehen", sagt Branchenkenner Thomas Harms vom Beratungsunternehmen E&Y. "Aber die Verbraucher sind es mittlerweile einfach gewöhnt, dann einzukaufen, wann sie es möchten." Wenn die Kunden sonntags nicht in die Geschäfte gehen könnten, würden sie eben woanders kaufen.

Die Handelskammer Hamburg formulierte 2013 sogar ein Protestpapier gegen die Vorgabe von vier konsumfreien Adventssonntagen in der Hansestadt - allerdings ohne Erfolg.

"Montagvormittag ist die Zeit, in der beim Internethandel die meisten Bestellungen eingehen - dicht gefolgt vom Sonntag", sagt Harms. Viele Kunden suchten sonntags ihre Einkäufe aus und bestellten sie dann am nächsten Morgen im Netz. Insbesondere für kleinere Städte wäre ein verkaufsoffener Sonntag im Advent ihm zufolge eine "Riesenchance".

"Ein Teil der Umsätze wird sicher auch noch an einem anderen Tag gemacht", räumt Harms ein. "Verloren gehen aber die Spontankäufe - und die, die stattdessen im Internet getätigt werden." Einen Teil der Erlöse einspielen könnten Händler etwa durch Aktionen wie eine lange Einkaufsnacht. Bei Verdi sieht man auch das kritisch: "Das ist ein Nullsummenspiel", sagt Dalibor. "Der Nacht-Umsatz wird dann am Tag nicht gemacht."

Insgesamt erwartet der Handelsverband für das diesjährige Weihnachtsgeschäft ein Umsatzplus von 1,2 Prozent auf 85,5 Milliarden Euro. Das entspricht etwa einem Fünftel der gesamten Jahreserlöse.

Und was sagen die Kunden? Die wollen in der Adventszeit gar nicht so dringend sonntags einkaufen. Das geht zumindest aus einer Emnid-Umfrage hervor, die das Magazin "Reader\'s Digest" in Auftrag gegeben hat. Demnach sind 78 Prozent der Berufstätigen dagegen, dass an allen vier Sonntagen die Geschäfte öffnen. Dass in Berlin an vergleichsweise vielen Adventssonntagen verkauft wird, kommt aber nicht von ungefähr - dort ist der Wunsch an diesen Tagen shoppen zu können, bundesweit am größten.