Berlin - Wer sich über 50 Jahre einen guten Ruf erarbeitet, hat viel zu verlieren. Die Stiftung Warentest wird zurzeit kritisch beäugt. Das hat sie sich auch selbst zuzuschreiben.

Kaum ein Produkt für Haushalt und Freizeit wurde noch nicht von ihr untersucht. Sogar Schreckschusswaffen, Sexualtonika und aufblasbare Schlitten durchliefen die Prüfprogramme der Stiftung Warentest. Am 4. Dezember 1964 wurde ihre Gründungsurkunde unterzeichnet, zuvor hatte der Bundestag sie per Beschluss ins Leben gerufen. In den
50 Jahren, die folgten, erwarb sich die Stiftung mit ihrer Arbeit ein hohes Ansehen. Das muss sie jetzt mit neuen Geschäftsideen verteidigen, gegen wachsende Konkurrenz im Internet.


Nach dem bescheidenen Anfang mit Zuwendungen von zwei Millionen Mark jährlich wuchs die Bedeutung der Stiftung Warentest mit ihrer Leserschaft. Die verkaufte Auflage des werbefreien Magazins "Test" stieg im Jahr nach der Wiedervereinigung auf fast eine Million Exemplare. Diese goldenen Zeiten sind vorbei. Kritik an der Arbeit der Tester wird lauter als früher geäußert. Mehr oder weniger unabhängige Internet-Portale veröffentlichen kostenlos Prüfberichte, Kundenbewertungen und Preisvergleiche.

Im Rückblick erkennt Stiftungsvorstand Hubertus Primus auch Fehler in Bewertungen. 1998 wurden Rollstühle nicht gründlich genug getestet. 2002 musste Stiftung Warentest einen Rechenfehler bei der Untersuchung von Riester-Rentenprodukten korrigieren. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr verlor sie im September vor Gericht einen Streit mit dem Schokoladenhersteller Ritter Sport. Es ging um eine angeblich irreführende Kennzeichnung eines Vanillearomas. Der gute Ruf, das Kapital der Warentester, hat unter dem Rechtsstreit gelitten.

Allerdings sind solche Prozesse die Ausnahme. Nach wie vor gibt es nach Worten von Primus keinen einzigen Fall, in dem die Stiftung wegen einer Testbeurteilung Schadenersatz habe zahlen müssen. Die Prüfstandards hätten sich bewährt, die Zusammenarbeit mit Laboren im In- und Ausland auch.

Dennoch begehren Unternehmen gelegentlich gegen schlechte Beurteilungen auf. So zweifelte die Spielwarenindustrie Ende 2013 die Messergebnisse einer Untersuchung von Holzspielzeug an. Ein Jahr zuvor hatte es Ärger um Spuren von Mineralöl in Schokolade aus Adventskalendern gegeben. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hielt das Gesundheitsrisiko für nicht so groß wie die Stiftung Warentest.

Das Beispiel zeigt eine Schwierigkeit der gemeinnützigen Organisation. Sie muss einerseits seriös und glaubwürdig auftreten, zugleich aber auch Eigenwerbung mit manch spektakulärem Testergebnis betreiben. Denn ihre Magazine "Test" und "Finanztest" steuern noch mehr als zwei Drittel ihrer Einnahmen bei. Seit Jahren sinken ihre Auflagen, auf zuletzt 430 000 "Test"-Exemplare und 220 000 "Finanztest"-Hefte.

Auch deshalb rutschte die Stiftung 2012 in die roten Zahlen. Im vergangenen Jahr stand unter dem Strich wieder ein Überschuss von einer Million Euro, dank einer kräftigeren Finanzspritze aus dem Stiftungskapital und weil das Geschäft im Internet in Schwung kommt. Inzwischen trägt
test.de rund 10 Prozent zum Umsatz bei.


"Das wichtigste Projekt für uns ist der Ausbau des Internetangebots", sagt Primus. Die interaktiven Produkt-Datenbanken würden ständig erweitert. Die Verbraucher wollten stets Testergebnisse auf dem neuesten Stand. Die Datenbanken gibt es etwa für Matratzen, Waschmaschinen, Fernseher, Handys und Tablets. Der Zugang kostet die Interessenten kleine Euro-Beträge. Bei allem Wandel wollen die Warentester aus Berlin an einem festhalten: Die altmodischen Schulnoten für Produkte und Dienstleistungen von "sehr gut" bis "mangelhaft" werden bleiben.


Die skurrilsten Warentests
Selbstverteidigungswaffen: Nur ein getesteter Reizgasrevolver erhielt 1974 die Note "Gut". Die große Gaswolke einiger Pistolen brachte das Opfer selbst in Gefahr.

Popkonzerte: Umbaupausen, Service und Akustik gehörten 1980 zu den Kriterien dieses Tests. Fazit: Manche Pop-Konzerte sind kein Genuss.

Ehevermittlung: Auch professionelle Vermittler taugen nichts, stellten Mitarbeiter der Stiftung 1984 im Eigenversuch fest.

Astrologen: Testpersonen ließen sich 1987 individuelle Geburtshoroskope erstellen. Sie kamen den Psycho-Tricks der Branche auf die Schliche.

Schönheitsoperationen: In den 1995 geprüften Beratungsgesprächen zu Brustimplantaten verharmlosten Ärzte die Risiken. Für die Tester ergab sich "ein düsteres Bild einer so schillernd erscheinenden Welt".

Kondome: Alle geprüften Produkte waren "gut", kein einziges "befriedigend". Im Techniktest überzeugten die Latex-Häubchen 2009: Sie platzten erst nach mehr als 30 Litern hineingepumpter Luft.