Pescara del Tronto (dpa) l Sie liegen regungslos in den Notzelten von Pescara del Tronto und Amatrice, trösten sich gegenseitig in tiefen Umarmungen, lassen im Telefongespräch mit Angehörigen in der Ferne ihrer Verzweiflung freien Lauf: Den Überlebenden des verheerenden Erdbebens in Mittelitalien steht eine lange Zeit der Verzweiflung, Trauer und Ungewissheit bevor. Nach der Katastrophe im Apennin wird das ganze Ausmaß der Tragödie allmählich sichtbar.

Noch immer wühlten sich am Freitag die Feuerwehrleute mit Schaufeln und Baggern, aber auch mit Händen durch die riesigen Berge von Bauschutt. Unter den Trümmern könnte doch noch ein lebender Mensch liegen.

Aus ganz Italien waren sofort am Mittwoch mehr als 5400 Helfer in die Abruzzen gereist – ausgebildete Helfer und Freiwillige. Sie haben auch Zeltstädte für die Überlebenden aufgebaut, die keine Bleibe mehr haben. „Wir richten uns auf eine lange Zeit ein, vielleicht bis in den Winter“, sagt der 35-jährige Helfer Andrea Cardoni.

Mühsamer Wiederaufbau

Regierungschef Matteo Renzi stimmte Italien auf einen mühsamen Wiederaufbau ein. 50 Millionen Euro wolle die Regierung sofort zur Verfügung stellen, insgesamt 234 Millionen Euro. Dann ging Renzi mit seinen Landsleuten ins Gericht. „Bei der Notfallhilfe sind wir unter den Besten der Welt“, sagt er nach einer Krisensitzung seines Kabinetts. „Aber es reicht nicht, an der Spitze der Notfallhilfe zu stehen“, sagt er und entwirft dabei das Bild eines „Hauses Italien“, in dem solche Katastrophen erst gar nicht geschehen dürften.

Tatsächlich offenbart das Erdbeben tiefe Risse im „Haus Italien“. Es hat Schäden angerichtet, die durch eine Bauvorsorge vermeidbar gewesen wären. Das italienische Ingenieurkollegium schätzt, dass 15 Millionen Wohnungen, also die Hälfte aller Wohneinheiten in Italien, nicht ausreichend gegen Erdbebenschäden gesichert sind. Die Ingenieure schätzen die Kosten für die Instandsetzung auf insgesamt 93 Milliarden Euro.

Die oft Jahrhunderte alten Häuser erdbebensicher zu machen, wäre zwar teuer, würde sich aber lohnen: „Man kann das für zehn Prozent der Kosten machen, die ein Wiederaufbau kostet“, sagt der Professor und Erdbebenexperte Paolo Bazzurro von der Universität IUSS in Padua. Das technische Know-how gebe es zur Erdbebenvorsorge in Italien, es fehle aber an politischem Willen und finanzielle Hilfen. „Oft wehren sich auch die Gemeinden, weil sie negative Auswirkungen auf den Tourismus fürchten.“