Der Chefanleger

Chris-Oliver Schickentanz ist seit 2011 der Chefanleger der Commerzbank in Deutschland. Zuvor war der 40-Jährige bei der Dresdner Bank tätig. Schickentanz hat an der TU Darmstadt Psychologie, Betriebswirtschaft und Recht studiert, er zählt inzwischen zu den gefragtesten Analysten in Deutschland.

Volksstimme: Herr Schickentanz, Europa diskutiert über die Flüchtlingskrise. Wie wird sich die Krise ökonomisch auswirken?

Chris-Oliver Schickentanz: Wir gehen davon aus, dass Bund, Länder und Gemeinden in den kommenden zwölf Monaten ungefähr 35 Milliarden Euro für die Bekämpfung der Flüchtlingskrise ausgeben werden, um Unterkünfte zur Verfügung zu stellen, die Leute zu versorgen und erste Integrationsversuche zu unternehmen. Das ist ein Konjunkturprogramm, wie wir es eigentlich die vergangenen 15 Jahre nicht mehr gesehen haben. Es könnte ein zusätzliches Wachstum von 0,2 bis 0,3 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt bringen.

Gleichzeitig gibt es aber auch eine große Negativ-Auswirkung. Die Radikalisierung der Politik in Deutschland und Europa schreitet voran. Wir sehen, dass in immer mehr Parlamenten kleinere Splittergruppen deutliche Stimmengewinne verbuchen können. Dadurch wird eine einheitliche europäische Politik immer schwieriger, ein gemeinsamer Lösungsansatz für die Flüchtlingskrise unwahrscheinlicher.

Wir brauchen aber eine gemeinsame Politik. Denn sollten einzelne Länder anfangen, ihre Grenzen zu schließen, wird sich das negativ auf die Wirtschaft auswirken. Wir leben in Europa vom freien Austausch von Waren und Dienstleistungen. Durch Grenzschließungen würde dieser Austausch behindert – vielleicht sogar unmöglich gemacht.

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Die Volkswirtschaften in Europa sind unterschiedlich aufgestellt. Wie werden sich die einzelnen Länder in diesem Jahr weiterentwickeln?

Momentan sehen wir insgesamt für Europa etwas mehr Licht als Schatten. Totgesagte Länder wie Spanien und Portugal befinden sich wieder auf Wachstumskurs. Die eingeleiteten Reformen wie die Reduzierung von Arbeitskosten oder die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte wirken sich dort positiv aus. Irland ist auch eines der Länder, das einst unter den EU-Rettungsschirm schlüpfen musste. Es kann jetzt sogar mit Wachstumsraten von um die fünf Prozent glänzen und liegt damit wieder auf Vorkrisen-Niveau.

Bei den beiden großen Bremsklötzen Italien und Frankreich kann man zumindest für Italien eine gewisse Bewegung in die positive Richtung verbuchen. Die Regierung in Rom reiht ein Reförmchen an das andere. Das ist noch nicht der große Wurf, aber es sind Schritte in die richtige Richtung. In Frankreich ist die Lage anders, dort hat die Regierung nach den schrecklichen Terroranschlägen alle Ausreden dieser Welt, um Wirtschaftsreformen nicht anzupacken. Von daher sehe ich dort keine Fortschritte.

In Deutschland geht das goldene Zeitalter langsam zu Ende. Wir fangen an, Reformen, die wir mit der Agenda 2010 unternommen haben, zurückzudrehen. Die Rente mit 67 ist da ein Stichwort. Die Einführung des Mindestlohns hat außerdem dazu geführt, dass sich die Arbeit verteuert hat. Und wir merken, dass die Gewerkschaften das Ende der Bescheidenheit einläuten, was zwar nach 15 Jahren der Zurückhaltung verständlich ist, sich aber negativ aufs Wirtschaftswachstum auswirkt. Denn die Arbeitnehmer haben zwar mehr Geld in der Tasche, geben es aber kaum aus.

Volksstimme: Der Handel hat sich zuletzt aber kaum über fehlenden Konsum beschwert.

Das liegt daran, dass er Kummer gewohnt ist. Wir haben uns zwar auf einem niedrigen Niveau etwas verbessert. Ein Teil dessen, was in der Haushaltskasse bleibt, wurde auch ausgegeben. Aber wenn wir uns das Geldvermögen der deutschen Privathaushalte anschauen, dann steigt das wie in den vergangenen Jahren kontinuierlich weiter. Es wird also immer noch ein extrem großer Teil dessen, was man über hat, zurückgelegt.

Und das, obwohl es derzeit für Ersparnisse keine Zinsen gibt. Die EZB hat jüngst entschieden, den Leitzins bei 0,05 Prozent zu belassen. Muss man da nicht von einem Anlagenotstand reden?

Definitiv. Der ist beim Privatanleger vielleicht nicht ganz so ausgeprägt zu spüren wie bei institutionellen Anlegern. Denn Privatanleger müssen nicht permanent ihr Geld investieren, sie können 0-Prozent-Renditen hinnehmen und abwarten. Versicherungen oder Pensionskassen brauchen aber eine Mindestrendite von 2,5 bis 3,5 Prozent. Das ist für die großen Adressen ein riesiges Problem, weil sie die Erwartungen ihrer Kunden nicht mehr erfüllen können.

Mittelfristig könnte sich der Anlagenotstand auch zu einem gesellschaftlichen Problem entwickeln, weil er die private Altersvorsorge infrage stellt. Ein Beispiel: Wir hatten in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg ein durchschnittliches Zinsniveau von fünf Prozent. Wer Kapital anlegte, konnte es innerhalb von 15 Jahren verdoppeln. Wer sein Geld aber jetzt für 0,2 Prozent anlegt, braucht für die Verdopplung 360 Jahre. Bleibt es also bei den niedrigen Zinsen, wird das Konzept der privaten Altersvorsorge so nicht mehr funktionieren.

Was würden Sie Anlegern in dieser Lage nun empfehlen?

Zuerst muss man sich über seine Anlageziele im Klaren sein. Wenn es darum geht, den nominalen Wert des Geldes zu erhalten, weil man sich in sechs bis zwölf Monaten eine größere Anschaffung leisten will – dann sind Tagesgeld und Sparbuch sicherlich adäquate Instrumente, um das Geld dort zu parken. Wenn man allerdings – wie ein Großteil der Bevölkerung – sagt, ich möchte Vermögen aufbauen, dann führt kein Weg an einer strukturierten Wertpapieranlage vorbei. Strukturiert bedeutet, dass man verschiedene Anlageklassen, Anlagesegmente, aber auch Regionen berücksichtigen sollte. Dass man nicht alles auf eine Karte setzt. Und dass man die Mischung nach der eigenen Risikoneigung wählt. Ein Teil Aktien gehört aber auch für einen konservativen Anleger zu einer gesunden Vermögensstruktur dazu.

Die Aktienmärkte unterliegen allerdings starken Schwankungen.

Ja, das stimmt. Und das wird wohl auch eine ganze Weile noch so weitergehen. Denn dadurch, dass die Notenbanken die Märkte mit Geld geflutet haben, überschießen die Kurse deutlich stärker nach oben und unten als in der Vergangenheit. Der Trend wird auch durch institutionelle Anleger verstärkt. Früher hat eine Versicherung eine Aktie gekauft und 15 Jahre behalten – weil sie vom wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens, das die Aktie ausgegeben hat, überzeugt war. Heute sind Versicherungen und andere institutionelle Anleger viel aktiver, kaufen und verkaufen Wertpapiere viel schneller und verstärken dadurch Auf- und Abwärtstrends.

Muss die Europäische Zentralbank (EZB) nicht fürchten, dass die Aktienmärkte durchdrehen, wenn sie eines Tages doch mal wieder den Leitzins anhebt?

Ich glaube, die EZB nimmt deutlich weniger Rücksicht auf die Aktienmärkte als die amerikanische Notenbank. Ihr ist die Entwicklung der Inflation in Europa wichtiger. Allerdings liegt der Zeitpunkt, über einen Zinsschritt nachzudenken, für die EZB auch noch in weiter Ferne. Vor Mitte 2018 wird wohl nichts passieren.

EZB-Chef Mario Draghi steht wegen seiner Niedrig-Zins-Politik allerdings in der Kritik. Zu Recht?

Mario Draghi hat einen der schwierigsten Jobs innerhalb Europas, er muss 19 Länder mit einer Zinspolitik zufrieden stellen. Für die einen ist seine Politik gerade richtig, für die anderen sind niedrige Zinsen ein Problem. Kritisch feststellen muss man aber auch, dass man mit dieser Politik des billigen Geldes nur Zeit erkaufen kann, dass wir damit aber die Probleme in Europa nicht gelöst bekommen. Das muss weiter Aufgabe der Politik sein.

Zu Schwankungen an den Aktienmärkten hat zuletzt auch China beigetragen. Wie ernst ist die Lage im Reich der Mitte?

Die Lage in China ist nicht rosig. Das Land hat im Wesentlichen drei Probleme, die das Wachstum dort bremsen: Erstens sind viele chinesische Firmen überschuldet, sie müssen ihre kreditfinanzierten Investitionen zurückschrauben. Zweitens hat sich im Land eine Immobilienblase gebildet. Dieses Überangebot an Wohnraum kann nur abgebaut werden, wenn die Bauaktivitäten reduziert werden, was sich wiederum aufs Wachstum niederschlägt. Und drittens will die chinesische Regierung das Geschäftsmodell des Landes ändern. Sie will weg vom Image des Billigheimers, will Industrie mit höherer Wertschöpfung ansiedeln. So ein Umbau ist hochkomplex und führt dazu, dass sich konjunkturelle Schwankungen nicht mehr ohne weiteres steuern lassen. Ich gehe aber nicht davon aus, dass es in China zu einem richtigen Crash kommt. Das Land hat genügend Geld, um seine Probleme noch über Jahre hinaus unterm Tisch zu halten.

Jetzt haben wir über viele negative Perspektiven gesprochen. Gibt es auch Positives anzumerken?

Sie haben vollkommen recht, wir konzentrieren uns überall auf die Krisenherde und übersehen die hoffnungsvollen Entwicklungen. Die US-Wirtschaft hat sich beispielsweise berappelt, Amerika ist immerhin unser wichtigster Handelspartner, noch weit vor Frankreich. Und mit dem niedrigen Ölpreis haben wir einen zusätzlichen Faktor, der Wachstum unterstützen kann. Nicht zuletzt haben wir mit dem relativ schwachen Euro Wettbewerbsvorteile und einige Unternehmen könnten jetzt die Chance nutzen, den Iran nach dem Ende des Atom-Konflikts als neuen Absatzmarkt zu entdecken.