Magdeburg (dpa) l Mehr als 4000 Bewerber für mehr als 5300 Plätze: In Sachsen-Anhalt gibt es wenige Wochen vor dem Start des neuen Ausbildungsjahres noch deutlich mehr freie Lehrstellen als junge Sachsen-Anhalter auf der Suche nach einer Berufsausbildung. Die Landesarbeitsagentur in Halle spricht von einer "Bewerberlücke". Rein rechnerisch gäbe es für jeden Suchenden einen Platz, wenn die Traumberufe zu den angebotenen Stellen passen würden.

Das tun sie aber nicht. Im Süden Sachsen-Anhalts etwa sind vor allem Ausbildungsplätze zum Verkäufer, zum Fachlagerist und zum Kaufmann sehr beliebt, wie die Industrie und Handelskammer (IHK) Halle-Dessau mitteilte. Die IHK in Magdeburg verzeichnete im Norden bisher einen besonderen Run auf eine Lehre zum Industriemechaniker. Im Handwerk konnten vor allem Betriebe Nachwuchs finden, die zum Fahrzeugmechatroniker, Elektroniker oder Friseur ausbilden, hieß es in der Handwerkskammer Magdeburg.

Die Chancen sind überall groß

Umgekehrt suchen Gastronomen noch Köche und Restaurantfachleute, auch Kanalbauer, Flachglasmechaniker, Bäcker und Fleischer konnten den Kammern zufolge zahlreiche Lehrstellen in ihren Betrieben noch nicht besetzen. Laut Arbeitsagentur gab es zuletzt in der Hotellerie mit 120 freien Stellen mehr als sechs Mal so viele Plätze wie Bewerber. Bei den Mechatronikern standen 47 suchenden Jugendlichen noch 160 freie Plätze gegenüber.

Für Jugendliche lohne sich der Blick auf Karriere und Verdienstmöglichkeiten in den Berufen mit vielen freien Stellen, empfahl der Chef der Landesarbeitsagentur, Kay Senius. "Es lohnt sich, bei allen Gewerken und Berufen nachzufragen, die Chancen sind überall groß", ergänzte die Handwerkskammer Magdeburg. Sie konnte bis Mitte Juli knapp 600 neue Ausbildungsverträge verzeichnen und damit 30 mehr als zur gleichen Zeit 2016.

Die beiden Industrie- und Handelskammern meldeten einen Rückgang. "Allerdings beobachten wir, dass diese Lücke zuletzt von Monat zu Monat immer kleiner geworden ist", sagte Björn Bösse, zuständig für den Bereich Aus- und Weiterbildung bei der IHK Halle-Dessau. Er schätzte, dass die Zahl der Azubis im südlichen Kammerbezirk von knapp 1800 noch auf das Vorjahresniveau von 3900 steigen wird.

Erst die Hälfte der Leerstellen besetzt

Das neue Ausbildungsjahr startet je nach Beruf und Branche am 1. August beziehungsweise am 1. September. Insgesamt wurden bisher nur etwas mehr als die Hälfte aller bei der Arbeitsagentur gemeldeten 11.200 Lehrstellen besetzt. Jedes dritte Unternehmen im Norden Sachsen-Anhalts könne nicht mehr alle angebotenen Lehrstellen besetzen, berichtete die IHK Magdeburg.

Das liege zum einen daran, dass es immer weniger Schulabgänger gebe. Bei vielen Berufen, etwa in der Metall- und Elektroindustrie, scheiterten Bewerber regelmäßig wegen mangelhafter mathematischer und naturwissenschaftlicher Kenntnisse. Viele Betriebe hätten auf den seit Jahren anhaltenden Trend der schwieriger werdenden Nachwuchssuche reagiert. Sie arbeiteten enger mit Schulen zusammen und gäben Jugendlichen Nachhilfe für die noch fehlenden Kenntnisse.

Ein Problem sehen die Kammern auch in der Struktur des Berufsschulnetzes: "Ein angehender Werkzeugmechaniker aus Sangerhausen müsste zur Berufsschule ins rund 100 Kilometer entfernte Bitterfeld fahren", nannte Björn Bösse von der IHK Halle-Dessau ein Beispiel. Ohne Auto dauere das mit Bus und Bahn für eine Strecke mehr als drei Stunden. Ähnliche Hürden gebe es für Lehrlinge in bestimmten Berufen in mehreren Regionen. Das mache es vielen Firmenchefs schwer, Jugendliche für eine Ausbildung in ihrem Betrieb zu begeistern.