Magdeburg l Die Apotheker in Sachsen-Anhalt sehen sich neben Nachswuchsproblemen wachsender Konkurrenz ausgesetzt, wie Jens-Andreas Münch, Präsident der Apothekerkammer, berichtet.

Bundesweit klagen Apotheker über Nachwuchsmangel. Wie ist die Lage in Sachsen-Anhalt?

Jens-Andreas Münch: Wir sind in Sachsen-Anhalt in einer relativ komfortablen Situation. In Halle haben wir deutschlandweit einen der größten Ausbildungsstandorte mit jährlich mehr als 100 Absolventen. Jedoch nicht alle bleiben in Sachsen-Anhalt. Landesweit werden dennoch Apotheker gesucht. Ebenso Pharmazeutisch-technische Assistenten (PTA), die den Apotheker im Alltag entlasten.

Was sind die Ursachen?

Es gibt verschiedene. Gravierend ist der Unterschied zwischen Stadt und Land. Wenn die Orte weiter ausdünnen und die Infrastruktur fehlt, will auch ein Apotheker dort nicht mehr arbeiten. Die Situation ähnelt der Lage der Ärzte. Zudem zieht es junge Pharmazeuten nicht zwingend in die Apotheke. Viele versuchen in der Industrie unterzukommen. 20 Prozent der Apotheker sind heute in anderen Bereichen als den öffentlichen Apotheken tätig. Die Unsicherheit über die Zukunft des Apothekerwesens spielt bei den Berufswegen auch eine Rolle.

Dennoch steigt die Zahl der Apotheker, während die Zahl der Apotheken ständig abnimmt.

Jeder Apotheker darf heute neben seiner Hauptapotheke bis zu drei Filialen betreiben. Dafür werden angestellte Apotheker gebraucht, die diese Filialen leiten. So nimmt die Zahl der eigentlichen Apotheken-Inhaber ab, aber die absolute Zahl zu. Durch eine Ausbildungs-Besonderheit aus der DDR-Zeit steigt demnächst die Zahl der neu zu besetzenden Apotheker-Stellen zusätzlich.

Welche?

In der DDR wurden Pharmazie-Ingenieure ausgebildet, die eine dreijährige Fachschulausbildung absolviert hatten. Diese Ausbildung gibt es heute nicht mehr. Die noch tätigen Ingenieure sind befugt, den Apotheker zeitlich begrenzt zu vertreten. Das dürfen die PTA nicht, wodurch eine Lücke entsteht. Im Übrigen arbeiten in Apotheken überwiegend Frauen – die PTAs sind fast ausschließlich weiblich. Also gibt es viel Teilzeitarbeit und Babypausen. Unser Vorteil: Wir bieten familienfreundliche und wohnortnahe Arbeitsplätze.

Sehen Sie die Versorgung mit Arzneimitteln irgendwo in Sachsen-Anhalt gefährdet?

Da spielen viele Aspekte mit hinein. Momentan ist die Arzneimittel-Versorgung flächendeckend gesichert. Schließt die letzte Arztpraxis vor Ort, muss häufig über kurz oder lang dann der Apotheker aufgeben. Wo es keine Apotheke gibt, schließt eine Rezeptsammelstelle die Versorgungslücke.

Wie funktionieren diese Sammelstellen?

In Gebieten, wo es im Umkreis von vier Kilometern keine Apotheke gibt und ein Arzt praktiziert, ist es rechtlich möglich, eine Rezeptsammelstelle einzurichten. Insgesamt 144 gibt es im Land. Bedient wird sie meistens von der nächstgelegenen Apotheke. Diese stellt einen Briefkasten in der Nähe der Arztpraxis auf und leert ihn täglich. Apotheken-Mitarbeiter fahren die Medikamente selbst aus, um bei Bedarf beraten zu können.

Eine Gefahr für ihren Berufsstand sehen die Apotheker im Arzneimittelversand. Warum?

Den Versandhandel gibt es seit 2004. Bisher gab es einen Wettbewerb mit gleichlangen Spießen. Die Versandhändler hatten sich wie wir an feste Preise für verschreibungspflichtige Medikamente zu halten. Das hat der Europäische Gerichtshof im Herbst 2016 gekippt, weil er Nachteile für ausländische Händler sah. Diese sind nun mit ihren Rabatt-Möglichkeiten bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln uns gegenüber klar im Vorteil. Deshalb haben wir fast 44 .000 Unterschriften für ein Verbot des Versands von rezeptpflichtigen Medikamenten in Sachsen-Anhalt gesammelt. Ein entsprechendes Gesetz hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) auf den Weg gebracht, das aber in dieser Legislaturperiode nicht mehr kommen wird.

Wobei hakt es?

Die SPD hat das Gesetz blockiert und sucht nach Alternativen. Sie will die Apotheken erhalten und den als vermeintlich modern gepriesenen Versand nicht behindern. Dabei dient die Arzneimittelpreisverordnung dem Interessenausgleich. Die landesweit gleichen Preise für rezeptpflichtige Arzneimittel schützen die Patienten davor, in einer Notlage überhöhte Preise zahlen zu müssen. Außerdem machen sie eine unabhängige und objektive Beratung der Patienten in der Apotheke vor Ort möglich. Die jetzige Situation schwächt jedoch die Apotheken vor Ort und gefährdet die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln zusätzlich.

Böse Zungen behaupten, die Apotheker wollten nur ihre Pfründe sichern ...

Der Versandhandel kann eine flächendeckende Versorgung nicht ersetzen. Ihm geht es um leicht verdientes Geld. Er füllt keine Lücken auf dem flachen Land aus, da unser jetziges Apothekensystem die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln wohnortnah und schnell durch zahlreiche Dienstleistungen wie Botendienste und Rezeptsammelstellen vollumfänglich absichert. Wenn jedoch durch die Rosinenpickerei des Versandhandels der Umsatz der örtlichen Apotheken einbricht, haben wir schnell Apotheken, die in wirtschaftliche Notlagen kommen. Heute sind es bereits etwa 20 Prozent, die nur noch durch Selbstausbeutung existieren können. Aber wer versorgt dann im Notdienst, wenn immer mehr Apotheken schließen müssen?