Hamburg/Berlin (AFP/dpa) l Wissenschaftler der britischen University Sussex hatten die in Pestiziden enthaltenen giftigen Neonicotinoide in ihrer Wirkung auf die Bienen untersucht. Greenpeace warf Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) Ignoranz vor: „Die dramatische Dimension des Bienensterbens muss auch bei ihm einen Anlass zum Umdenken geben“, erklärte Christiane Huxdorff, Landwirtschaftsexpertin der Organisation.

Neonicotinoide töten Insekten

Neonicotinoide werden laut Greenpeace immer häufiger verwendet und können Insekten entweder direkt töten oder langfristig deren Nervensystem schädigen. Rund drei Viertel der landwirtschaftlichen Kulturpflanzen sind auf die Bestäubung durch Bienen, Hummeln und andere Insekten angewiesen. Laut Greenpeace verschlimmerte sich die Situation dieser Tiere trotz eines EU-Gesetzes aus dem Jahr 2013 zum eingeschränkten Einsatz von Neonicotinoiden.

Ein wesentliches Ergebnis der Studie ist, dass Wildpflanzen stärker als bisher vermutet mit Neonicotinoiden kontaminiert sind und deren Nektar und Pollen somit ein zusätzliches Risiko für Bienen darstellen. Viele wildlebende Spezies werden erheblich geschädigt. Dazu gehören unter anderem Schmetterlinge, Käfer, Wasserinsekten, aber auch Vögel wie der Spatz und das Rebhuhn.

EU entscheidet über Verbote

Die EU wird Greenpeace zufolge noch in diesem Jahr über den Fortbestand des derzeitigen Teilverbots der drei Neonicotinoide Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam sowie Fipronil entscheiden. Schmidt höhle aber in Deutschland das Teilverbot mit zahlreichen Ausnahmen aus und ignoriere „die Notwendigkeit eines dringend gebotenen Kurswechsels“, erklärte Huxdorff.

Schmidt erklärte dazu, dass ihm der Schutz der Bienen „besonders am Herzen“ liege. Er habe deshalb bereits im Sommer 2016 die Aussaat von Wintergetreidesaatgut, das mit in Deutschland nicht zugelassenen Neonicotinoiden behandelt wurde, verboten.

Stoffe wirken wie Nervengifte

Huxdorff verwies darauf, dass die EU etwa das Pestizid Fipronil verboten habe, weil es bienengefährdend sei. Schmidt habe den Einsatz des Gifts aber im Kartoffelanbau per Ausnahme weiter erlaubt.

Die Neonicotinoide werden mit dem Massensterben der europäischen Bienenpopulation in Zusammenhang gebracht. Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) hatte bereits vor „etlichen Risiken für Bienen“ durch diese Pestizide gewarnt.

Kritiker argumentieren, dass die Stoffe, wenn sie nicht zum Tod führen, wie Nervengifte wirken, durch die Bienen ihr Orientierungs- und Kommunikationsvermögen sowie die Fähigkeit verlieren, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Die Hersteller stellen einen Zusammenhang zwischen den Pflanzenschutzmitteln und dem Bienensterben infrage.

Der Bund hat zu Jahresanfang zum besseren Schutz von Insekten, Vögeln und bedrohten Pflanzen auf intensiv genutzten Agrarflächen Forschungsprojekte gestartet. „Wir können die biologische Vielfalt nur gemeinsam mit den Landwirten erhalten“, sagte Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) am Montag bei der Vorstellung des Vorhabens in Berlin.

Konkret soll es beispielsweise um Flächen gehen, auf denen Bienen, Schmetterlinge oder Feldhasen geschützte Lebensräume finden. Erprobt und wissenschaftlich ausgewertet werden sollen die Maßnahmen an zehn Standorten: in Vorpommern, der Lüneburger Heide, dem Havelland, der Magdeburger Börde, dem Weserbergland, der Kölner Bucht, in Rheinhessen, der Hohenlohe-Region (Baden-Württemberg), in Niederbayern und dem Oberallgäu. Projektträger sind die Michael-Otto-Stiftung für Umweltschutz und der Bauernverband.

Bauernpräsident Joachim Rukwied sagte, die Branche sei bereit zu mehr Naturschutz, Maßnahmen dürften aber die Rentabilität nicht signifikant beeinträchtigen.