Berlin (dpa) - Zwei kleine Jungs liegen schlafend in einem Bett, der Wecker stört jäh dieses friedliche Bild. Der ältere steht auf und macht das Frühstück, zieht sich an und kann seinen jüngeren Bruder nur mühsam davon abhalten, spärlich bekleidet Brötchen holen zu gehen. So beginnt der Film "Jack", der am Donnerstag (20.15 Uhr) auf Arte zu sehen ist. So idyllisch wie am Anfang bleibt es nicht lange.

Es ist Sommer in Berlin. Jack (Ivo Pietzcker) ist zehn Jahre alt und freut sich auf die großen Ferien. Doch seine Mutter Sanna (Luise Heyer) ist mit ihm und seinem sechsjährigen Bruder Manuel (Georg Arms) schlichtweg überfordert. Als Jack sich beim Wasserkochen verbrüht, wird das Jugendamt auf die Familie aufmerksam und beschließt, dass Manuel bei Sanna bleiben kann, Jack jedoch in ein Jugendheim ziehen soll. Es liegt idyllisch an einem See, und die Erzieherin Becki (Nele Mueller-Stöfen) kümmert sich dort gut um ihn.

Doch als zum Ferienbeginn seine Mutter nicht wie verabredet kommt, um ihn abzuholen, haut Jack ab, übernachtet irgendwo abseits der Autobahn oder in irgendwelchen Autos. Als er schließlich nach Hause kommt, ist das Jugendamt schon da. Jack entkommt abermals, holt Manuel von einer Freundin ab und streift mit ihm allein durch die Stadt - auf der Suche nach der Mutter. Er hinterlässt kleine Botschaften an der Wohnungstür, doch sie reagiert nicht.

Jack ist ein mutiger und kluger Junge, der sehr viel rennen muss. Er wird von Ivo Pietzcker (14) schlichtweg großartig gespielt: Schonungslos zeigt er uns die Sichtweise eines Kindes, das einfach nur bei seiner Mutter leben möchte. Der Zuschauer kann förmlich zusehen, wie er immer lakonischer wird, und nur die Verantwortung für seinen Bruder ihn aufrecht hält, den er sogar Huckepack durch die Nacht trägt. Ivo Pietzcker stand nach seiner Debütrolle inzwischen für "Nebel im August" von Kai Wessel vor der Kamera - er wird als Schauspieler sicher seinen Weg machen.

Regisseur Edward Berger (46, "Ein guter Sommer") und Ko-Autorin Nele Mueller-Stöfen (49, "Familienfest") beschreiben die Suche zweier Kinder nach ihrer Mutter mit einer unsentimentalen und bitteren Mischung aus Poesie und Einfühlsamkeit, und vor allem mit viel Verständnis für den Schmerz und die Einsamkeit der beiden Jungs. Ihr Film ist sicher eng an der Realität, arbeitet mit harten Schnitten und kommt mit sparsam dosierter Musik aus. Kameramann Jens Harant drehte zehn Wochen lang aus der Hocke, mit der Kamera auf der Schulter, alles mit einem einzigen Objektiv, um sich auf die Augenhöhe des Hauptdarstellers zu begeben. Beim Deutschen Filmpreis 2014 wurde der rundum gelungene Film zu Recht mit einer Lola in Silber ausgezeichnet.

"Wir haben den Film für bestimmte Drehorte geschrieben. Er hatte seinen Anfang vor unserer Haustür gefunden, und dort waren auch unsere Motive", erklärt Edward Berger seine Regiearbeit. "Schlichte, einfache Orte, die überall sein könnten. Keine Hochhaussiedlung, die stigmatisiert. Kein Sozialdrama, das die Mutter verurteilt. Wir wollten eine möglichst allgemeingültige Geschichte".

Die ist ihm gelungen, angesichts der beiden Jungs, die da vollkommen allein durch eine große, kalte Stadt tigern, in der es offenbar niemandem auffällt, dass sie vollkommen auf sich allein gestellt sind. So fragt der Kleine mehrmals: "Wo gehen wir denn jetzt hin?", und der Ältere antwortet: "Ich weiß es nicht". Am überraschenden Ende weiß Jack es dann aber doch. Und ihm wird endgültig klar, dass er in seinem Leben schon fast so funktionieren muss wie ein Erwachsener.

Jack