Magdeburg l „Die neue Zeit fordert gebieterisch eine neue Kunst.“ So steht es ganz weit oben in den formulierten Zielen der Künstlergruppe „Die Kugel“, veröffentlicht am 2. März 1919 in der Magdeburgischen Zeitung. Eine Seite ist voll mit Gedanken zu „Unseren Zielen“, die kurz nach Ende des verheerenden Ersten Weltkrieges vor allem eines sein sollten: frei.

Die Maler und Grafiker Bruno Beye und Franz Jan Bartels, der Schriftsteller Robert Seitz, der Bildhauer Rudolf Wewerka, der Maler Alfred John hatten den Aufruf unterschrieben. Mittendrin ihre großen Ideale: freie Kunst, freie Geister, freie Menschheit. Wer glaubte, diese Bestrebungen unterstützen zu wollen, der wurde damals aufgerufen, sich der Gruppe anzuschließen.

Künstler, Schriftsteller und Musiker

Max Dungert und Oswald Pohl kamen hinzu, August Bratfisch, Eberhard Viegener, Günther Vogler, die Schönebeckerinnen Katharina und Annemarie Heise sowie Wilhelm Höpfner, Erich Weinert und Gerhard Kahlo. Beye, Dungert und Vogler waren allesamt Absolventen der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg und brachten, so wird es in der Ausstellung deutlich, die Formensprache des Expressionismus, des Dada und des Bauhauses nach Magdeburg.

Mitglied der „Kugel“ wurden nicht nur bildende Künstler, sondern auch Schriftsteller, Musiker und Kritiker. Sie fanden sich zu Ausstellungen zusammen, Lesungen, Auftritten. In der gleichnamigen Zeitschrift veröffentlichten sie Texte, Grafiken und Kompositionen. Weinert hat in der „Kugel“ seine ersten literarischen Arbeiten veröffentlicht. Ein Programmzettel ist ausgestellt, der auf die Lesung „Der ewige Ring“ von Weinert im Juni 1919 hinweist. Er ist eines der Exemplare aus dem Archiv des Literaturhauses selbst.

Exponate aus der Sammlung Gerd Gruber

Der Großteil der Ausstellung aber wird bestritten von Gerd Gruber. Der Wittenberger ist seit Jahrzehnten leidenschaftlicher Sammler von Grafik, immer auf der Suche nach Künstlern und Werken des Expressionismus, des Verismus wie der Neuen Sachlichkeit. Wie der Kunstwissenschaftler Jörg-Heiko Bruns in seiner Laudatio zur Eröffnung betonte, habe Gruber „seit Jahrzehnten kontinuierlich und wirksam am und zum Thema gearbeitet“.

Ein Jahr vor dem 100. Geburtstag der „Kugel“ wird mit Grubers Sammlung, die als nationales Kulturgut anerkannt ist, nun ein sehr ausgiebiger Blick auf die Künstlervereinigung gegeben. Das Literaturhaus Magdeburg öffnet dafür gleich mehrere seiner Räume und zeigt Lithografien, Holz- und Linolschnitte, Kohlezeichnungen und Radierungen jener „Magdeburger Weltverbesserer“, wie Bruns die „Kugel“-Protagonisten nannte, die mit ihren Utopien weit links gestanden haben.

Von Anarchisten bis Sozialdemokraten

Auf einem Deckblatt von „Schauinsland“, einer illustrierten Beilage der Volksstimme von 1932, ist Karl Marx zu sehen, der den marschierenden Arbeitern den Weg weist. Viele Anschauungen hätten sich zusammengefunden, sagte Bruns: von anarchistisch, pazifistisch, bürgerlich-humanistisch, sozialutopisch bis hin zu radikal-kommunistisch und sozialdemokratisch. Kein unübliches Zusammenfinden zu jener Zeit des Aufbruchs: Überall in Deutschland hatten sich Künstler in Vereinigungen gefunden. Dresden, Halle, Bielefeld, Karlsruhe. In Berlin gab es die „Novembergruppe“, der viele „Kugel“-Künstler nahestanden.

„Nach ihrem viel beachteten Aufblühen ging der Magdeburger ,Kugel’ bald die Lebenskraft aus. Da half auch das Aufbäumen in der neuen Gruppe ,Wir aber‘ nicht viel“, sagte Bruns. Beye und Dungert waren nach Berlin gegangen. Die letzten Ausstellungen der „Kugel“ fanden 1922 und 1923 statt.

Die Ausstellung „Die Kugel Avantgarde in Mitteldeutschland“ ist bis zum 29. März im Literaturhaus Magdeburg, Thiemstraße 7, zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 10 bis 12 und 14 bis16 Uhr sowie zu den Veranstaltungen.