Berlin - "Anna Grass leiht uns zwei Betten, wir wohnen noch nicht", notiert Max Frisch. "Gestern Jurek Becker hier, ich bringe ihn später zu Uwe Johnson. Alles läuft schief."

Berlin Anfang 1973 im beschaulichen kleinen Ortsteil Friedenau, dem damaligen Dichterviertel. Der Schweizer Max Frisch ist gerade eingezogen, um die Ecke wohnen auch Günter Grass und Uwe Johnson. Später wird die Wohnung für den Sommer auch mal den Schriftstellern Ernst Jandl und Friederike Mayröcker überlassen.

Der 1991 gestorbene Autor von "Stiller" und "Homo faber" führt wieder Tagebuch, "schriftliche Anstrengungen gegen das tägliche Vergessen", wie Frisch das nennt. Ein Teil jener Aufzeichnungen, die Frisch für 20 Jahre nach seinem Tod gesperrt hatte, erscheinen nun am 20. Januar im Suhrkamp Verlag ("Aus dem Berliner Journal", herausgegeben von Thomas Strässle unter Mitarbeit von Margit Unser). Sie sind eine wahre Fundgrube zur jüngeren deutschen Literaturgeschichte und zum Kalten Krieg im geteilten Deutschland.

Berlin ist für Frisch auch der Ort vieler persönlicher Erinnerungen ("Man ist wacher als anderswo"), wo seine damalige Frau Marianne eine passende Wohnung gefunden hatte, in der sie heute noch lebt. Frischs Erinnerungen reichen ursprünglich bis zu seinen frühesten schüchternen Kontakten zur Berliner Theaterwelt im Vorkriegsberlin und zur Berliner Luftbrücke nach dem Krieg zurück, deren Anfänge 1948 er selbst erlebt und im "Tagebuch 1946-1949" beschrieben hat ("Auf dem Tempelhofer Feld wimmelt es von glitzernden Transportern"). Später wird Fritz Kortner Frischs Stück "Andorra" am Berliner Schillertheater inszenieren.

Im nun erschienenen "Berliner Journal" sinniert Frisch über seine zeitweilige Heimatlosigkeit, Langeweile, Alkoholsucht, Schreibhemmungen und Eheprobleme. In Berlin ringt der Autor mit einer Arbeit über Einsamkeit, Altern und Gedächtnisverlust ("Der Mensch erscheint im Holozän"). Die Friedenauer Jahre werden auch zum Teil in seiner Erzählung "Montauk" ihren Niederschlag finden. Vor allem aber sind seine Porträts und Charakterstudien von Kollegen in West- und Ost-Berlin wie Grass, Johnson, Enzensberger, Christa Wolf, Günter Kunert und dem Liedermacher Wolf Biermann sowie seine Beobachtungen bei den sich häufenden Besuchen im östlichen Teil Berlins lesenswert. Es sind die wachen Augen des schreibenden Beobachters.

"Übernahme der Wohnung (Sarrazin Straße 8) und Abend bei Grass. Nieren", heißt es zu Beginn des Journals zunächst nur lapidar. Später berichtet Frisch von seinen "Schwierigkeiten mit Grass", über dessen "Hang zur Publizität", zum Beispiel "sein Israel und ICH", er rede als "Instanz: Germany\'s Günter Grass", notiert Frisch. "Keine Woche ohne solche Hirtenbriefe." Dabei sei Grass "im privaten Umgang ganz schlicht, auf natürliche Art bescheiden-privat, bedürftig nach Sympathie, auch fähig zur Anteilnahme", doch fügt Frisch auch hinzu: "Ich treffe kaum jemand, der mit Sympathie von ihm spricht." Da mag allerdings auch der übliche Kollegen-Neid über den Auflagenerfolg des "Blechtrommel"-Autors eine Rolle gespielt haben.

Uwe Johnson ist "mühsamer als die meisten, auch wenn er lustig ist, witzig. Er fordert mich." Er sei "schwierig zu verstehen, oft überhaupt nicht...Er spricht Kreuzworträtsel...Ein Nordmann, der nichts auf die leichte Schulter nimmt." Johnson brauche Alkohol, notiert Frisch, der selbst mit dieser Sucht hadert ("Wieder zuviel getrunken...Gefühl von Unmündigkeit").

Bestechend die hellsichtigen Augen des Schweizers auf die DDR und deren Schriftsteller: "Viele graue Mienen; es geht nicht schlecht, aber ohne besondere Hoffnungen. Auch viel Biederkeit." Der "Staatsfeind Nr. 1" bleibe die Spontanität. Über die von prominenten DDR-Schriftstellerkollegen genossene und gern in Anspruch genommene Reisefreiheit zwischen Ost und West meint Frisch nachdenklich: "Der eine und andere darf also. Wodurch erwirbt man sich diese Vertrauenswürdigkeit da drüben?"

Der Liedermacher Wolf Biermann ist für Frisch, noch vor der Ausbürgerung 1976 aus der DDR, "eine geschichtliche Figur heute und hier...Sie können ihn fertigmachen, aber nicht sein Gedicht, wenn er sich nicht aufgibt." Biermann sei "die verbotene Stimme einer Epoche, von der eines Tages, wenn sie so oder so vergangen ist, nichts Gleichwertiges übrigbleibt".

Max Frisch/Aus dem Berliner Journal. Herausgegeben von Thomas Strässle unter Mitarbeit von Margit Unser. Suhrkamp Verlag, Berlin. 235 Seiten, 20,00 Euro. ISBN 978-3-518-42352-3.