New York - 14. Februar 1989: Das Telefon klingelt bei dem britisch-indischen Autor Salman Rushdie. Am Apparat ist eine BBC-Reporterin, die Rushdie eine erschreckende Nachricht überbringt: Ajatollah Khomeini, der religiöse Führer des Iran, habe eine Fatwa gegen ihn verhängt.

Dies gleicht einem Todesurteil: Mit seinem Roman, den "Satanischen Versen", habe Rushdie den Islam und den Propheten Mohammed beleidigt. Jahrelang machten daraufhin radikale Islamisten Jagd auf den Schriftsteller, der untertauchen musste.

Inzwischen kann sich der 66-jährige Autor wieder in der Öffentlichkeit zeigen. Sogar in den Klatschspalten seiner neuen Heimat New York findet man Rushdie: Er habe ein Literaturquiz bei einem Promi-Event gewonnen, schrieb etwa die "New York Post" Ende Januar. "Der selbstbewusste Autor wurde gehört, als er cool meinte, "natürlich habe ich gewonnen"". Alles Quatsch, twitterte Rushdie am nächsten Tag. "Sowas hab ich nicht gesagt. Dinge zu erfinden, ist mein Job, nicht der Eure."

Was für ein Unterschied zu der Zeit direkt nach der Fatwa. Iranische Hardliner erneuerten das Todesurteil jedes Jahr pünktlich zum 14. Februar. Der Autor lebte im Untergrund und wurde von britischen Polizei-Spezialeinheiten geschützt.

Zunächst habe er die Drohung nicht so ernst genommen, sagte Rushdie bei der Präsentation seiner Autobiografie "Joseph Anton" 2012 in Berlin. "Joseph Anton" war Rushdies Deckname. Doch spätestens nach dem Tod von islamkritischen Kollegen sei ihm die Tragweite bewusst geworden. Direkten Kontakt zu seinen Verfolgern hatte Rushdie nie: "Sie haben nur versucht, mich umzubringen, was ja auch eine Art von Kontaktaufnahme ist."

Der Tod durch islamistische Killer konnte an jeder Ecke lauern. "Anfangs dachte ich, es wird sehr bald sein", sagte Rushdie in einem Interview des Fernsehsenders CBC. Die Fatwa galt nicht nur Rushdie, sondern auch anderen, die mit dem Werk befasst waren. Dutzende Menschen starben bei Angriffen auf Rushdies Kollegen und bei Ausschreitungen. Hitoshi Igarashi, der japanische Übersetzer der "Satanischen Verse", wurde ermordet. Herausgeber William Nygaard und Ettore Capriolo, der italienische Übersetzer, wurden Ziele von Anschlägen.

Trotz allen Drucks habe er immer versucht, als Schriftsteller nicht ängstlich oder bitter zu werden. "Das wäre eine andere Art von Tod gewesen", sagte Rushdie, der insgesamt elf Bücher veröffentlicht hat.

Auch nachdem der Iran die Fatwa 1998 aufgehoben hatte, blieb die Angst: Jahrelang mied Rushdie die Öffentlichkeit und trat nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen auf. Heute kündigt er Auftritte auf seiner Internetseite an, ist Gast von Universitäten, Kirchen und im Fernsehen.

Das Todesurteil sei Geschichte, sagte Irans damaliger Präsident Mahmud Ahmadinedschad vor zwei Jahren. Ob Radikalislamisten dies auch so sehen, bleibt aber ungewiss - denn auf Gotteslästerung steht im Islam die Todesstrafe. Hassan Sanei, ein iranischer Geistlicher, erhöhte 2012 das auf Rushdie ausgesetzte Kopfgeld von 2,8 Millionen Dollar (2 Millionen Euro) um eine weitere halbe Million Dollar.

Ob Rushdie solche Drohungen weiter ernst nimmt und deswegen sein Leben einschränkt, ist nicht bekannt. Der Autor konnte für eine Stellungnahme zum 25. Jahrestag der Fatwa vorab nicht erreicht werden. Sein in London lebender Sohn wollte ebenfalls keinen Kommentar abgeben.

Fest steht nur, dass Rushdie derzeit die Öffentlichkeit wieder verstärkt meidet. Allerdings aus ganz anderen Gründen: "Ich melde mich nun für einige Zeit ab von Twitter", schrieb Rushdie am 8. Dezember. "Habe Buch fertigzuschreiben, usw. Wir sehen uns, wenn es fertig ist, also in einem Jahr oder so."