Stuttgart - Per Leo ist ein "Nazienkel". Er selbst nennt sich so. Er ist einer von sehr vielen in dieser Rolle, aber in sehr ungewöhnlicher Art und Weise hat der 41-Jährige dieses Schicksal zu Papier gebracht.

"Flut und Boden" - ein Debüt und gleich nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse - ist seine Geschichte und die seines Großvaters, der einst in der SS Karriere machte. Aber im Prinzip ist es die Geschichte einer ganzen Familie, man könnte fast sagen: Dynastie, deren Zentrum ein herrschaftliches Haus am Weserufer nahe Bremen ist. Ein Haus, das Generationen ein Zuhause und zugleich eine schwere Bürde ist.

Leos Großvater Friedrich war Abteilungsleiter im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS. Dort bildete er jene aus, die in den besetzten Gebieten darüber urteilten, wer aus der Bevölkerung das Zeug zum Deutschen hatte und wer nicht. Natürlich wird darüber nach dem Krieg nicht gesprochen. Etwas Unausgesprochenes zerstört die Familie. Einige wissen etwas, andere denken sich ihren Teil, gefragt wird nicht - das hat man so schon häufiger gehört. Die Geschichten, die der Großvater vom Krieg erzählt, sind harmlos genug für den Kaffeetisch bei der Familienfeier. Dass es Butterkuchen für alle männlichen Enkel gibt, die 1,80 Meter Körperlänge erreichen... - ist eben ein bisschen schrullig, der Alte. Und mehr und mehr driftet die Familie auseinander.

Erst nach dem Tod des Großvaters macht sich der Enkel daran, die ganze Geschichte von Friedrich Leo zu erforschen und der Frage nachzugehen, wie es dazu kommen konnte. Großonkel Martin, Friedrichs älterer Bruder, steht dabei allzu bequemen Antworten der Marke "War damals halt so" im Weg. Ein Kind der gleichen Generation, unter den gleichen Umständen aufgewachsen, geprägt vom Verlust des Vaters im Ersten Weltkrieg, ein bisschen still, dafür schon früh vom Forscherdrang getrieben - und später eben kein Nazi.

"Roman einer Familie" ist der Untertitel, doch ein klassischer Roman ist "Flut und Boden" nicht. Leo rekonstruiert die Leben von Friedrich und Martin äußerst präzise anhand von Aufzeichnungen, Erzählungen und persönlichen Erinnerungen. "Der eine der beiden Brüder steht mir näher, der andere ist mir lieber", sagt er - und lässt es den Leser deutlich spüren.

Erzählt wird nicht chronologisch, sondern thematisch gestaffelt. Es geht um das Verhältnis der Leos zur Wissenschaft, zur Religion, zur jungen Bundesrepublik, in der Friedrich nach der Flucht aus der Kriegsgefangenschaft lebt, und zur DDR, in die es Martin und seine Familie verschlägt. Und es geht darum, wie der Erzähler selbst mit der Wahrheit umzugehen versucht, die er enthüllt - anfangs ratlos, danach offensiv und schließlich mit beißendem Spott für den Großvater und dessen Ideale.

Seinen Wissenschaftler-Hintergrund liest man Per Leo stellenweise deutlich an, etwa wenn das zeitweilige Interesse seines Großvaters für Graphologie zur Sprache kommt. Das erfordert hier und da Durchhaltevermögen. Wer es aufbringt, wird mit einem beeindruckend präzise gezeichneten und fesselnden Familienpanorama belohnt.

Per Leo: Flut und Boden. Klett-Cotta, Stuttgart, 347 Seiten, 21,95 Euro, ISBN 978-3-608-98017-2