Berlin - Sie gelten als "zweite Entdeckung Amerikas": Die Tagebücher Alexander von Humboldts (1769-1859) zu seiner Reise durch Mittel-und Südamerika sind ein Schlüsseldokument der Wissenschaft.

Auf 4000 Seiten notierte der Forscher während seiner Expedition von 1799 bis 1804 Beobachtungen und Messungen über Pflanzen, Tiere und Geografie der "neuen Welt". Nach dem Kauf der Manuskripte von einem Nachfahren Humboldts stellte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz am Dienstag das Dokument in Berlin vor.

Mit dem Erwerb der Amerikanischen Tagebücher, die in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt werden sollen, bleibe ein bedeutendes Werk in Deutschland, sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Der von öffentlichen und privaten Geldgebern finanzierte Kauf sei Vorbild. "Wir müssen alles nur Erdenkliche unternehmen, um die Abwanderung national wertvollen Kulturguts ins Ausland zu verhindern", sagte die CDU-Politikerin.

Bekannt waren bisher vor allem die mit seinem Begleiter Aimé Bonpland (1773-1858) veröffentlichten Reiseberichte Humboldts, die nur ein Drittel der fünfjährigen Amerika-Expedition schildern. In den neun ledergebundenen und auf Deutsch und Französisch verfassten Tagebüchern hatte Humboldt den gesamten Reiseverlauf notiert. Die Notizen sind bislang nicht vollständig veröffentlicht.

Es habe "große Begehrlichkeiten" etwa aus den USA, Großbritannien und Mexiko für den Kauf gegeben, sagte Hermann Parzinger, Präsident der Preußenstiftung. Die Dokumente seien der Schlüssel für das Selbstverständnis des künftigen Humboldtforums für außereuropäische Kunst und Kulturen am Schlossplatz. "Sie sind so etwas wie die "SIM-Karte" für das Humboldtforum", sagte Parzinger.

Über die Kaufsumme hatten der Verkäufer, der Humboldt-Nachfahre Ulrich von Heinz, und die Preußenstiftung Stillschweigen vereinbart. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sprach von einem bedeutenden Gewinn für die Stadt. Mit der Kaufsumme soll Schloss Tegel, Sitz der Familie Humboldt, renoviert werden. Dort sind unter anderem Alexander und sein Bruder Wilhelm Humboldt beigesetzt.

Die Tagebücher Humboldts sind neben seinen Briefen die bedeutendsten Originale seiner Reisen. Sie werden nun in der Universität Potsdam vom Romanisten Ottmar Ette untersucht. Ette sprach von Humboldts Arbeitsmethode als "work in progress". Immer wieder habe der Gelehrte auch seine Wissenslücken offenbart, etwa mit den weißen Flecken auf seinen Landkarten. Der Forscher habe das damalige Überlegenheitsgefühl Europas gegenüber dem Rest der Welt infrage gestellt, sein Werk trage deutliche antikoloniale Züge, sagte der Wissenschaftler. Humboldt habe sich immer wieder deutlich gegen die Sklaverei ausgesprochen.