Leipzig - Seit einem Jahr versucht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit der Kampagne "Vorsicht Buch", mehr Aufmerksamkeit für Bücher und Buchläden zu wecken.

Im dpa-Interview sagt der Vorsteher Heinrich Riethmüller, ob es klappt und wie die Stimmung in der Branche sonst so ist.

Frage: Vor einem Jahr hat der Börsenverein auf der Leipziger Buchmesse die Kampagne "Vorsicht Buch" gestartet. Was hat sie gebracht?

Antwort: Wir sind sehr zufrieden mit dieser Kampagne, weil unser Ziel, den stationären Buchhandel damit zu stärken, aufgegangen ist. Wir haben eine gute Resonanz. Insgesamt ist noch nie so viel in den Medien über das Buch berichtet worden wie im vergangenen Jahr, und das führen wir auch auf diese Buchkampagne zurück.

Frage: Ziel war ja auch, "leseferne" Leute zu erreichen. Kann man das mit so einer Kampagne wirklich schaffen?

Antwort: Menschen, die gar nicht lesen, kann man wohl auch mit so einer Kampagne nicht erreichen. Uns ging es allerdings nicht darum, die Vielleser zu aktivieren, die sowieso in unsere Buchhandlungen kommen, sondern vor allem buchfernere Menschen. Und das ist uns gut gelungen.

Frage: Wie lange läuft die Kampagne noch?

Antwort: Sie ist insgesamt auf drei Jahre angelegt. Bei der Buchmesse in Leipzig wird das zweite Jahr eingeläutet. Das Buchschenken soll mehr in den Vordergrund rücken. Es gibt dafür beispielsweise neue Plakate, und das Motiv des Buchschenkens wird zum Welttag des Buches weitergeführt. Worauf wir im stationären Buchhandel sehr stark setzen, ist eine Aktion für Kinder, bei der man in den Buchhandlungen ein Stickeralbum bekommen kann, in das man seine Lieblingsbuchhelden einkleben kann.

Frage: So etwas wie die Panini-Alben?

Antwort: Genau.

Frage: Die Kampagne hat sich also bewährt, um den stationären Buchhandel zu stärken. Tatsächlich gab es 2013 ein leichtes Umsatzplus. Wie schätzen Sie denn die Lage im deutschen Buchmarkt insgesamt ein?

Antwort: Im Großen und Ganzen positiv. Wir haben 2013 ein gutes Jahr hinter uns gebracht. Nachdem sechs, sieben Jahre lang der stationäre Buchhandel - mit einer positiven Unterbrechung - um 0,5 bis knapp 4 Prozent weniger Umsatz gemacht hat, gab es 2013 wieder eine Stabilisierung. Der Jahresbeginn liegt ebenfalls im Plus. Der stationäre Buchhandel hat sich gefangen und stabilisiert. Man kann da durchaus optimistisch sein. Es gibt eine Hinwendung zu den Kerntugenden des Sortimentsbuchhandels. Offensichtlich schätzen die Leute doch wieder ein überschaubares, gutes Sortiment, gute Beratung und ein gutes Angebot sehr hoch ein.

Frage: Geht das Umsatzplus im stationären Buchhandel zulasten des Internets, gibt es dann dort ein Minus?

Antwort: Nach ersten Schätzungen war der Internetbuchhandel insgesamt im vergangenen Jahr leicht rückläufig. Das hängt sicher auch mit der Diskussion über Amazon zusammen. Buchkäufer sind vielleicht doch etwas kritischer und überlegen sich: Wo kriege ich meine Bücher her? Wenn man eine sympathische Buchhandlung in der Nähe hat, geht man dort dann vielleicht doch eher hin.

Frage: Das heißt, es gibt keine Kannibalisierung zwischen diesen beiden Märkten?

Antwort: Nein, der Buchhandel hat als einzige Sparte im Einzelhandel erfolgreich das Multi-Channeling umgesetzt, also sowohl einen Internetauftritt als auch ein Geschäft. Es gibt rund 2000 Buchhandlungen in Deutschland mit einem guten Onlineauftritt. Das bietet keine andere Branche, dass man sowohl online wie auch im Laden einkaufen kann.

Frage: Wird sich die Weltbild-Insolvenz auswirken?

Antwort: Das ist natürlich keine schöne Meldung. Aber mir ist es ganz wichtig klarzumachen, dass das keine Krise des Buchhandels ist, sondern die Krise eines Unternehmens, das Fehler gemacht hat und nun dafür abgestraft wird.

Frage: Weltbild war wie Schlecker sehr präsent gerade auch in kleineren Städten. Ist nicht zu befürchten, dass mit dieser Weltbild-Pleite das Angebot an stationären Buchhändlern weiter schrumpft?

Antwort: Die Weltbild-Läden waren keine Vollbuchhandlungen, sondern Geschäfte mit 50 Prozent Non-Books. Deswegen haben sie auch ihre Schwierigkeiten bekommen. Das kann Ihnen auch jeder Buchhändler bestätigen.

Frage: Wie sieht es denn im Buchhandel mit einem Stadt-Land-Gefälle aus - gibt es gut versorgte Großstädte und schlecht versorgte kleinere Städte?

Antwort: Dieser Eindruck trügt. Sie finden in fast jeder Stadt ab 10 000 Einwohnern eine gut funktionierende Buchhandlung, häufig sogar in Ortschaften mit weniger Einwohnern. Wir haben etwa 6000 Buchhandlungen und Buchhandelsfilialen in der Bundesrepublik, da kann man von einer flächendeckenden Versorgung sprechen.

Frage: Eine Zeit lang waren E-Books das Trendthema, auch auf der Leipziger Buchmesse. Wie hat sich das Geschäft entwickelt?

Antwort: Natürlich nimmt das E-Book enorm Fahrt auf, aber wirtschaftlich gesehen dümpelt es im Buchhandel auf dem Publikumsmarkt bei drei bis vier Prozent. Man kann davon ausgehen, dass der Anteil steigen wird. Das ist genreabhängig - in der Fantasy und beim Krimi mehr als bei Sachbüchern, Kochbüchern, und auch in der Belletristik hält es sich noch in Grenzen. Es ist ein wachsender Markt, aber wir gehen davon aus, dass der in Deutschland nie die Dimensionen wie in Amerika erreichen wird. Wir rechnen mit einem Marktanteil zwischen 10 und 20 Prozent in den nächsten 5 bis 10 Jahren.

Frage: Und warum wird es in Deutschland nicht die amerikanischen Ausmaße annehmen?

Antwort: Weil der Buchhandel in Deutschland besser organisiert ist als in Amerika. Dort können Sie ein paar hundert Meilen fahren, ohne eine Buchhandlung zu finden. Deswegen ist man viel mehr online unterwegs als stationär. Und dann hat es sicherlich auch mit der kulturellen Entwicklung in Deutschland zu tun, wo immerhin der Buchdruck erfunden wurde, wo wir ein gutes Buchhandelsnetz haben, wo wir gut funktionierende Verlage haben, wo die Gewöhnung einfach eine andere ist.

Frage: Abschließend: Mit welchen Erwartungen geht der Börsenverein in die Leipziger Buchmesse?

Antwort: Es ist ein großes Branchentreffen. Wir erhoffen uns viel Aufmerksamkeit für das Buch in jeder Erscheinungsform. Und wir freuen uns auf gute Gespräche mit Autoren, Verlegern und Lesern bei einem großen Fest rund ums Buch.

ZUR PERSON: Heinrich Riethmüller ist seit 2013 Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Der 58-Jährige ist Inhaber und Geschäftsführer der Buchhandlung Osiander mit Stammsitz in Tübingen. Im Börsenverein sind 3400 Buchhandlungen organisiert.