Kaisborstel - Auf die Frage, wie ein normaler Tag des Günter Kunert so beginnt im Alter - frühstücken, schmusen mit der Katze, schreiben? - antwortet der Dichter trocken: "Ich schmuse auch mit meiner Frau."

Kunert gehört zu den bedeutendsten deutschen Lyrikern der Gegenwart und feiert am Donnerstag (6. März) seinen 85. Geburtstag. Nach seiner Übersiedlung aus der DDR 1979 in den Westen lebte Kunert zunächst in Itzehoe (Schleswig-Holstein), ehe er ein altes, freistehendes Schulhaus ("ohne Nachbarn!") im nahen Kaisborstel über Freunde empfohlen bekam.

In dem Dorf - Nachschlagewerke geben mal 77 , mal 78 Einwohner an - lebt und schreibt er "bereits ein Menschenalter", sagt er im Interview der Nachrichtenagentur dpa. "Hier lässt sich gut arbeiten, gut schreiben, hier ist man unbehelligt. Die Leute sind freundlich, höflich, zugänglich und nicht aufdringlich." Heimat könne es nicht sein, aber es sei sein Zuhause geworden.

Anderen ehemaligen DDR-Autoren hat er den regionalen Immobilienmarkt zugeschickt, so kam denn auch die zunächst bei Bremen wohnende Sarah Kirsch (1935-2013) in das nahe Dorf Tielenhemme.

Ungezählte Lyrikbände, aber auch Prosa - darunter seine Autobiografie ("Erwachsenenspiele", 1997) sowie Essays und Reisebeschreibungen hat Kunert geschrieben. Seine Erfahrungen als Gastprofessor für DDR-Literatur an der Universität Texas in Austin verarbeitete der Autor in dem Amerika-Report "Der andere Planet" (1974). Hörspiele und Drehbücher sowie eigene Illustrationen gehören zum vielseitigen Werk.

Hochkarätige Ehrungen hat Kunert erhalten, darunter den Heine-Preis der Stadt Düsseldorf, den Hölderlin-Preis, den Curtius-Preis für Essayistik, den Georg-Trakl-Preis sowie den Preis der Frankfurter Anthologie für seine Interpretationen deutscher Gedichte.

Literatur hält er für machtlos und er hält dennoch an ihr fest. "Es ist eine Illusion anzunehmen, dass Literatur etwas bewirke." Das habe er sich schon Anfang der 1950er Jahre abgeschminkt. "Literatur bewirkt nichts, sie ist der Schleier vor den Leichenbergen", zitiert Kunert den Philosophen Theodor Lessing (1872-1933). Dies sei etwas krass formuliert, aber Literatur habe auch etwas Beruhigendes, es sei eine andere Welt, in die der Leser sich auf Stunden begibt: "Er kommuniziert, wenn er Lyrik liest, mit den Emotionen des Dichters, fühlt sich hier ausgedrückt und verstanden und nicht mehr einsam."

"Aber auf die Realität hat das überhaupt keinen Einfluss, denn es macht ja die Menschen nicht zu besseren Menschen", sagt Kunert. Und über die geringen Auflagen von Gedichtbänden ("ein Dichter kann sich über 2000 verkaufte Exemplare eines Bandes schon freuen") sagt Kunert, Millionenauflagen anderer Werke wie etwa "Feuchtgebiete" erwähnend, nur: "Die Leute, die Gedichte lesen und ihr Bewusstsein damit ein bisschen erweitern, sind die Minorität der Minderheit." Er schreibe nicht für den Leser, sondern "um mich mit mir selber zu verständigen - und der Leser ist eingeladen, so es ihn denn gibt, daran teilzunehmen und vielleicht bis zu einem gewissen Grade sich selbst zu finden."

Kunert wurde noch in die Weimarer Republik geboren, in der Nazizeit war er wegen seiner jüdischen Mutter diskriminiert worden, in der DDR platzten seine sozialistischen Utopien. "Es war ein langer Abschied", erinnert er sich. "Nach 1945 war nicht nur ich voller Hoffnung auf eine andere, bessere, friedfertigere Gesellschaft." Seine Familie war traditionell mit der SPD verbunden, der Großvater kam im KZ Theresienstadt um, ein Onkel starb im Vernichtungslager Auschwitz.

"Für mich war völlig selbstverständlich, dass Sozialismus keine Alternative kennt", sagt Kunert. Mit dem immer stärkeren Abgleiten in einen "Stalinismus und einen neuen Feudalismus" habe sich sein kritischer Blick auf die DDR entwickelt. Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 war für ihn nur noch der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Entdeckt und protegiert von Johannes R. Becher, lernte der junge Dichter 1951 auch Bertolt Brecht kennen. Die Begegnung mit Brecht sei ihm wichtig gewesen. Aber als seine literarischen "Gründungsväter", die ihn "sehr beeindruckt und beeinflusst haben", nennt Kunert die beiden amerikanischen Lyriker Edgar Lee Masters (1868-1950) und Carl August Sandburg (1878-1967). Bis zu seiner Übersiedelung in die Bundesrepublik gehörte Kunert in der DDR zu den viel gelesenen Autoren. Seit Mitte der 1960er Jahre prägte eine merklich skeptischere Weltsicht seine Kurzprosa und Verse.

In der Bundesrepublik folgten zahlreiche Gedichtbände, aber auch Essays und Reisereflektionen. Fünf mal war Kunert in den USA, hat Australien und Neuseeland besucht und Marokko mit dem eigenen Wagen durchfahren. Große Reisen sind Kunert und seiner Frau Marianne, mit der er seit 1952 verheiratet ist, nicht mehr möglich. Zum 85. Geburtstag hat der Hanser Verlag den Band "Fortgesetztes Vermächtnis" mit Gedichten seit der Jahrtausendwende veröffentlicht.

Woran arbeitet Kunert zurzeit? Fast täglich sammelt er skurrile Nachrichten, schreibt Kurzprosa - inzwischen rund 6000 Texte. Sie sollen anknüpfen an die Aufzeichnungen "Die Botschaft des Hotelzimmers an den Gast" (2004) und die 2013 erschienenen "Tröstlichen Katastrophen" (Aufzeichnungen von 1999-2011). Aber das werde wegen des Umfangs keiner veröffentlichen und er habe auch Verständnis dafür, sagt Kunert, der sich zum Geburtstag nur eins wünscht - "Gesundheit und weniger körperliche Defekte".

Günter Kunert: "Fortgesetztes Vermächtnis", Gedichte, 176 Seiten, Hanser Verlag, 14,90 Euro