Berlin - Nach dem Eklat um ihre Dresdner Rede hat sich Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff von der Bezeichnung "Halbwesen" für künstlich gezeugte Kinder distanziert.

"Das tut mir wirklich leid, der (Satz) ist zu scharf ausgefallen. Ich möchte ihn sehr gerne zurücknehmen, ich bitte darum", sagte die Schriftstellerin am Freitag im ZDF-"Morgenmagazin". "Ich würde niemals ein Kind, das auf diese Weise zur Welt kam, als fragwürdigen Menschen bezeichnen."

An ihrer grundsätzlichen Kritik an der künstlichen Befruchtung halte sie aber fest. "Ich kann ja nicht alles zurücknehmen, weil ich in vielen Dingen so denke, wie ich es geschrieben habe", sagte sie mit Bezug auf ihr Redemanuskript.

Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin ("Pong", "Blumenberg") hatte am vergangenen Sonntag in Dresden mit einer Brandrede gegen künstliche Befruchtung für Empörung gesorgt. Unter anderem hatte sie die moderne Reproduktionsmedizin mit "Kopulationsheimen" der Nazis in Zusammenhang gebracht.

"Den Kindern werfe ich überhaupt nichts vor, sie können nichts dafür, wie sie auf die Welt kamen. Ich bin aber skeptisch gegenüber den modernen medizinischen Methoden. Man sollte stärker diskutieren und sich nicht damit befrieden, dass es diese Medizin gibt - und dann tun wir es eben", sagte sie am Freitag.

Ihr verursache es Unbehagen, dass auf der einen Seite Millionen Kinder in ärmlichen Regionen ein entsetzliches Leben führten, Eltern in reichen Regionen dagegen versuchten, auf künstlichem Wege Kinder zu zeugen.

Lewitscharoff hatte in ihrer Rede, die Geburt und Tod zum Thema hatte, die Zeugung eines Kindes durch den Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau als einzig akzeptablen Weg dargestellt und damit auch den Zorn von Schwulen und Lesben auf sich gezogen. Auch die Berliner Akademie der Künste reagierte schockiert; ihr Verlag distanzierte sich ebenfalls von dem Gesagten.

Der breiten Öffentlichkeit war die Rede erst durch einen am Mittwoch veröffentlichten Offenen Brief des Chefdramaturgen des Staatsschauspiels Dresden, Robert Koall, bekanntgeworden, der Lewitscharoff gefährliche Stimmungsmache und indirekt die Verletzung der Menschenwürde vorwarf. Das Staatsschauspiel organisiert die Dresdner Reden regelmäßig in Kooperation mit der "Sächsischen Zeitung".

Lewitscharoff hatte 1998 für ihren Roman "Pong" den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Die Romane "Montgomery" (2003), "Apostoloff" (2009) und "Blumenberg" (2011) folgten. Zuletzt erschien als eine Art Fortsetzung ihres Erstlings "Pong redivivus" mit Illustrationen ihres Mannes Friedrich Meckseper. Lewitscharoff erhielt unter anderem den Preis der Leipziger Buchmesse, den Kleist-Preis und 2013 den Georg-Büchner-Preis.