Berlin - Mit seinem autobiografischen Roman "Rabenliebe" sorgte Peter Wawerzinek 2010 für Aufsehen.

Die berührende Geschichte des kleinen Jungen, der von seiner Mutter als Waise in der DDR zurückgelassen wird, gewann den renommierten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Jetzt hat der 59-jährige Autor aus Berlin mit "Schluckspecht" eine Art Fortsetzung seiner Lebensgeschichte vorgelegt - ein erschütterndes und doch auch versöhnliches Porträt eines Mannes, der am Alkohol fast zerbricht.

Schonungslos offen berichtet der Ich-Erzähler, wie sein Leben nach dem ersten Nippen an den Likörgläsern der Ziehmutter ("Tante Luci") auf eine "abwärtsführende Rutschbahn in Flaschenhalsgrün" gerät: Erst ist es die selbstgebraute "Schwarze Johanna", später Bier, Wein, Schnaps, alles. Er trinkt sich ins Koma und träumt von "richtigen Eltern", bis das Leben nur noch aus wüsten Runden mit den Saufkumpanen, zerbrochenen Beziehungen und Gewaltausbrüchen besteht. "Lauter kleine Hilferufe. Ich wollte nicht nur gepackt und zur Tür hinausgeworfen werden, ich wollte gerettet werden."

Als die Ziehmutter ihn nach fast zwei verlorenen Jahrzehnten aus einer zugemüllten und verkotzten Bude holt, beginnt die zweite Leidensgeschichte. Der Leiter einer Trinkerheilanstalt an der schleswig-holsteinischen Küste nimmt den abgewrackten Helden unter seine Fittiche und verordnet ihm die vielleicht schwerste Entziehungskur, die es gibt. Er soll lernen, vernünftig mit Alkohol umzugehen, zu trinken statt zu saufen. Es dauert fast fünf Jahre.

All das erzählt Wawerzinek ohne Larmoyanz, mit Sinn für Komik und skurrile Situationen in einer manchmal rauschhaft explodierenden, dann wieder sehr poetischen Sprache. Oft ist die eigentliche Hauptfigur seine Tante Luci - "dürr wie eine Büroklammer, von geschickten Fingern in eine menschliche Figur verwandelt". Die Schwester des Vaters, der von ihm nichts wissen will, hat den Jungen bei sich aufgenommen, sie teilt ein dunkles Geheimnis mit ihm. Von der ersten bis zur letzten Zeile ist das Buch auch eine Liebeserklärung an sie. "Für Frau Hannelore Kayn" heißt mit einem kleinen Totenkreuz die Widmung.

Die Parallelen zu Wawerzineks Leben sind unübersehbar. Der in Rostock geborene Autor - mit bürgerlichem Namen Peter Runkel - wuchs in verschiedenen DDR-Kinderheimen und Pflegefamilien auf. Später in Ost-Berlin schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, etwa als Totengräber, Tischler und Mitropa-Kellner. In der Kneipenszene war er als Performance-Künstler und Stegreif-Poet beliebt, literarisch fiel er erstmals 1990 mit Parodien zur DDR-Literatur und dem Roman "Nix" auf.

Während eines Literaturstipendiums im Alfred-Döblin-Haus im schleswig-holsteinischen Wewelsfleth lernte Wawerzinek den Eulenhof kennen, eine letzte Auffangstation für Alkoholiker. Als er am Montagabend sein neues Buch bei einem "Schluckspecht-Spektakel" in der Berliner Volksbühne vorstellte, waren auch Gäste aus dieser Zeit seines Lebens geladen. Die Stimmung war fröhlich und ausgelassen - wie in einem Rettungsboot, das der Katastrophe gerade noch entkommen ist.

- Peter Wawerzinek, Schluckspecht, Galiani Verlag Berlin 2014,
340 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-86971-084-6.