Frankfurt/Main - Spanien erlebt nach dem Platzen der Immobilienblase eine schwere wirtschaftliche Depression. "Geld regiert die Welt", sagt der spanische Schriftsteller Rafael Chirbes im Interview der Nachrichtenagentur dpa.

Seinen Krisen-Roman "Am Ufer" stellte der 64-jährige sozialkritische Autor am Mittwochabend zum Auftakt einer Lesereise im Frankfurter Literaturhaus vor.

Frage: Ihr Buch "Am Ufer" wird als der große Roman über die Krise Spaniens gefeiert. Sehen Sie sich vor allem als politischen Schriftsteller?

Antwort: Ich rede und schreibe nicht gerne über die Politik meines Landes. Das langweilt mich. Die Literatur gibt mir dagegen den Raum, mit Fantasie über die Dinge zu reflektieren.

Frage: Sie beschreiben, wie das Platzen der Immobilienblase einen Zimmermann in einer Kleinstadt an der Mittelmeerküste ruiniert. Auch die moralischen Werte scheinen zu verfallen. Welche Krise ist schlimmer?

Antwort: Ich weiß nicht, ob es eine spezielle moralische Krise in Spanien gibt da gibt es keinen Unterschied zu Schweden oder Deutschland. Geld regiert die Welt. Ich will Spanien auch nicht dämonisieren. Die Krise ist auch nur Teil meines Romans, es gibt dort Leute, die hassen und die lieben, die jung sind oder alt werden, und es geht um Immigranten wie eine Kolumbianerin, die als Pflegerin in der Familie des Zimmermanns arbeitet. Ich beschreibe Menschen, denen ich über den Weg gelaufen bin.

Frage: Das Bild, das Sie zeichnen, ist sehr pessimistisch...

Antwort: Nein, das ist nicht pessimistisch, das ist die Wirklichkeit. In Spanien gibt es sehr viele Arbeitslose, es sind um die 25 Prozent. Das heißt aber nicht, dass dies schlechtere Menschen sind.

Frage: Die Familie des Protagonisten in ihrem Roman ist alles andere als harmonisch, sie hat die stützende Funktion verloren. Ist das ein Spiegelbild der spanischen Gesellschaft?

Antwort: In Spanien ist die Familie traditionell wichtig. Sie ist für viele der letzte Anker, wenn sie arbeitslos sind. Man rückt also enger zusammen das bringt automatisch mehr Konflikte, gerade wenn es um Geld geht. Die dysfunktionale Familie ist also die normale Familie. Oft finanziert inzwischen die Rente der Großeltern die ganze Restfamilie.

Frage: Trotz der Krise in Spanien scheint die politische Rechte schwächer zu sein als in vielen anderen EU-Ländern. Täuscht dieser Eindruck?

Antwort: Nach 40 Jahren Franco-Zeit gibt es zwar keine extreme Rechte. Aber wir haben schon eine Rechte, die auch innerhalb des demokratischen Systems mitspielt, etwa bei der Abtreibungsfrage. Zum Glück gibt es aber keine Rechte, die offen rassistisch ist.

Frage: In ihren Büchern haben sie die letzten Jahrzehnte der spanischen Politik und Gesellschaft beschrieben. Damit waren sie in Deutschland erfolgreicher als in Spanien. Wie erklären Sie sich das?

Antwort: Marcel Reich-Ranicki hat einmal einen Roman von mir öffentlich empfohlen. Das hat mir in Deutschland geholfen. Mein neuer Roman ist aber in Spanien erfolgreicher als hier. Jetzt gibt es auch dort ein Publikum für meine Art des Erzählens.

ZUR PERSON: Rafael Chirbes (64) beschäftigt sich seit Jahrzehnten in seinen Romanen mit der Entwicklung Spaniens. Der sozialkritische Autor, der sich selbst als Marxist bezeichnet, hat sich schon in "Krematorium" (2007) mit den Schattenseiten des Immobilien- und Tourismusbooms beschäftigt.

- Rafael Chirbes: Am Ufer, Antje Kunstmann Verlag, München, 432 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3-88897-867-8.