Berlin - "Nein, so ist es nicht gewesen." So beginnt die frühe Fassung von Christa Wolfs "Kindheitsmuster", die Gerhard Wolf unter dem Titel "Nachruf auf Lebende. Die Flucht" herausgegeben hat. Darin will die 15-jährige Ich-Erzählerin beschreiben, wie die Flucht aus ihrer Heimat an einem Januartag 1945 wirklich war.

Auf gut 100 Seiten berichtet sie von diesem traumatischen Tag in ihrem Leben, erinnert sich an ihre Kindheit in Landsberg an der Warthe (heute Gorzów Wielkopolski, Polen) und entwirft ein Bild ihrer Familie.

Christa Wolf (1929-2011), die an diesem Dienstag (18. März) 85 Jahre alt geworden wäre, rührte an einem literarischen Tabu, als sie 1976 in der DDR in ihrem Roman "Kindheitsmuster" über Flucht und Vertreibung als Folge des Zweiten Weltkriegs schrieb. "Nachruf auf Lebende" hat sie bereits 1971, noch vor einer Reise in die alte Heimat, in nur vier Wochen, "sozusagen in einem Schwung", verfasst. Eine Veröffentlichung habe sie nicht geplant, sagte Gerhard Wolf der Nachrichtenagentur dpa. Die Leiterin des Literaturarchivs der Akademie der Künste in Berlin, Sabine Wolf, habe ihn auf den Text aufmerksam gemacht. "Änderungen am Manuskript gab es nicht", so Gerhard Wolf. Selbst der Titel stamme von Christa Wolf.

Der Text ist eine Vorarbeit zu ihrem komplexen, mehrere Zeitebenen umfassenden Roman "Kindheitsmuster". In "Kindheitsmuster" fließt die Reise nach Gorzów Wielkopolski ein. Außerdem bezieht sich die Autorin darin auf aktuelle Ereignisse zwischen 1972 bis 1976. Sie thematisiert in ihm auch gleich zu Anfang den mühsamen Prozess des Schreibens: "Was du heute, an diesem trüben 3. November des Jahres 1972, beginnst, indem du, Packen provisorisch beschriebenen Papiers beiseite legend, einen neuen Bogen einspannst, noch einmal mit der Kapitelzahl I anfängst. Wie so oft in den letzten eineinhalb Jahren, in denen du lernen mußtest: die Schwierigkeiten haben noch gar nicht angefangen."

Wie relevant ist "Nachruf auf Lebende" angesichts so vieler verworfener Versuche? Das Buch ist ein wichtiges in sich geschlossenes Fundament für "Kindheitsmuster". Die einfache lineare Erzählung liest sich gut, es fehlt ihr aber an Tiefe.

Eindrückliche Szenen aus "Nachruf auf Lebende" fanden Eingang in "Kindheitsmuster": die Mutter, die ihre Kinder auf der Flucht im Stich lässt, die Geschichte vom 16-jährigen Fähnleinführer, der zuerst seine Eltern, dann sich erschießt, "weil er nicht in die Hände des Feindes fallen will". Oder wie die Erzählerin zum ersten Mal in ihrem Leben zu sich selbst "Ich" sagt. Andere, für die weitere Entwicklung des Mädchens entscheidende Szenen, fehlen in "Nachruf auf Lebende", weil es nicht über den ersten Tag der Flucht hinausgeht.

"Nachruf auf Lebende" ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung Christa Wolfs mit ihrer Vergangenheit, die auch als Hörbuch, gelesen von der Schauspielerin Dagmar Manzel, erscheint. Die Geschichte ist autobiografisch. Nur den Familienmitgliedern gab die Autorin einen anderen Namen, meint Gerhard Wolf.

Wie die für die DDR und die Bundesrepublik bedeutende Schriftstellerin (unter anderem "Nachdenken über Christa T.", "Kassandra") sehr unmittelbar in der Ich-Form, mit ironischem Blick auf das Erwachsenensein ein Schicksal beschreibt, das viele Menschen ihrer Generation traf, berührt den Leser. Doch wer "Kindheitsmuster" kennt und schätzt, könnte enttäuscht werden. Neugierig macht die nächste postume Veröffentlichung: Im September 2014 erscheinen Christa Wolfs Moskauer Reisetagebücher von 1957 bis 1989.

- Christa Wolf: Nachruf auf Lebende. Die Flucht. Suhrkamp Verlag, Berlin, 105 S., 12,00 Euro, ISBN 978-3-518-46506-6.

- Hörbuch: 3 CDs, 230 Min., 19,99 Euro, ISBN 978-3-86231-390-7