Berlin - Ein Heer von seltsamen Tieren bevölkert Christian Morgensterns Gedichte: Zu ihnen zählen das Nasobem, das auf seiner Nase schreitet, der Schluchtenhund, das ästhetische Wiesel oder das Mondschaf.

Der Lyriker, Feuilletonist und Übersetzer, der am 31. März 1914 im Alter von 42 Jahren starb, ist ein Pionier der komischen Lyrik. Seine 1905 erschienenen "Galgenlieder" machten ihn schon zu Lebzeiten berühmt.

Morgenstern lote darin die Sprache bis an den Rand der Möglichkeiten und darüber hinaus aus, sagt der Autor Jochen Schimmang, der vor kurzem eine Biografie über den Dichter veröffentlicht hat. "Seine Gedichte haben subversive Kraft."

Im Jahr der Gründung des Deutschen Reiches wurde Morgenstern in eine Münchner Künstlerfamilie hinein geboren. Seine glückliche Kindheit endete abrupt, als die Mutter des Neunjährigen an Tuberkulose starb. Auch bei ihm selbst brach die Lungenkrankheit 1894 aus. Große Teile seines Werkes verfasste er in Kliniken und Sanatorien vom Krankenbett aus. Für den Künstler war Humor ein Weg, sich mit Leiden auseinanderzusetzen. "Es gibt nur eine Rettung: vor dem Ekel muss man sich durch Lachen schützen", heißt es in den "Aphorismen".

Morgenstern war seiner Zeit voraus. Die für ihn typische Lautmalerei griffen später die Dadaisten auf. Mit einem rein typographischen Gedicht nahm er die Konkrete Poesie vorweg. Humoristen wie Robert Gernhardt oder Loriot ließen sich von Morgensterns fantastischen Tieren inspirieren. Loriots Steinlaus stammt also in gewisser Weise vom Nasobem ab.

Die Briefe und Feuilletons des Dichters sind als Zeitdokumente zu lesen. "Mit scharfsichtigem Blick erkannte Christian Morgenstern die Defekte der Wilhelminischen Epoche", schreibt der Herausgeber der Werkausgabe, Reinhardt Habel. Fortschrittsgläubigkeit und Technikbesessenheit waren dem Übersetzer von Werken der skandinavischen Schriftsteller August Strindberg und Henrik Ibsen suspekt.

Früh schon beschäftigte sich Morgenstern mit Friedrich Nietzsches Schriften, später mit dem Buddhismus und christlicher Mystik. 1909 besuchte er einen Vortrag Rudolf Steiners und fand in der Anthroposophie Antworten auf seine Sinnsuche. Gemeinsam mit seiner Frau Margareta folgte er Steiner zu Vorträgen, so lange es ihm seine Krankheit erlaubte. Nach dem frühen Tod ihres Mannes in Meran 1914 nahm sich die Witwe des Werkes an - mehr als die Hälfte der Texte hatte Morgenstern zu Lebzeiten gar nicht veröffentlicht.