Berlin - Gregor Sander sitzt in einem gestreiften Pulli hinter einem kleinen Tisch eines Berliner Hinterhof-Restaurants. Vor ihn fläzen sich mehr als 100 Zuhörer auf Klappstühlen und Sitzbänken.

Viele im Publikum sind Fans und Freunde des Autors. Aufgeregt sei er, sagt der 45-Jährige. Denn jetzt beginne seine Lesereise für den Roman "Was gewesen wäre". Die Anspannung verfliegt schnell, schließlich liest Sander quasi auf eigenem Terrain: Die Gegend um den Zionskirchplatz und die ehemalige deutsch-deutsche Grenze an der Bernauer Straße kommt in dem Buch des Wahl-Berliners vor.

Zwar beginnt der Roman, und auch die Liebesgeschichte der Hauptfigur Astrid, bei einem Sommerfest in einem alten Forsthaus am See in der ostdeutschen Provinz. Doch viele Szenen spielen in Berlin - teils vor dem Mauerfall, der bald 25 Jahre her ist, teils danach.

In der Auftaktszene trifft die 17-jährige Astrid bei der ausgelassenen Künstlerparty auf Julius. Das erste Kapitel des Romans ist in Ich-Form geschrieben. Mit ihrer ersten großen Liebe ist die junge Frau nur kurz zusammen, doch Julius geht ihr über Jahrzehnte nicht aus dem Kopf.

Wie es Sander gelungen sei, sich für das Buch so gut in seine weibliche Hauptfigur hineinzudenken, wird der Schriftsteller bei der Lesung gefragt. Sander zögert, sagt: "Ich hatte ziemlichen Respekt davor." Er habe aber ein gutes Gefühl für diese Figur gehabt und gemerkt: "Über Astrid komme ich rein in die Geschichte."

Genauso geht es dem Leser, er ist gleich dabei. Im zweiten Kapitel wechselt die Erzählperspektive leicht, die Ich-Form ist vorübergehend verschwunden. Astrid arbeitet inzwischen als Ärztin in Berlin, ist Mitte 40 und Mutter zweier Kinder. Die Ost-Frau reist mit ihrem neuen Freund Paul, einem Radiojournalisten mit West-Vergangenheit, nach Budapest. Auch beim Erzählen in der 3. Person bleibt Sander, geboren 1968 in Schwerin, sehr nahe an seiner Protagonistin.

Astrid guckt Paul an: wenige, kurz geschorene Haare, ein paar Kilo zu viel und große, weiche Hände - so analysiert sie den Mann an ihrer Seite. Sander umreißt das Paar und dessen Beziehung mit wenigen, treffsicheren Sätzen. Seine klare Sprache hat etwas Unaufgeregtes, Direktes, was den Leser schnell gefühlsmäßig in den Bann der Beziehungsgeschichte zieht.

Astrid entdeckt bei ihrer Kurzreise mit Paul in ihrem Budapester Hotel plötzlich Julius wieder, der vor Jahrzehnten die DDR verlassen hatte und in Hamburg lebt. Dieses Wiedersehen schwemmt haufenweise Erinnerungen hoch. Dabei gelingt es Sander meisterlich, die Zeitebene der Jugendliebe, die Phasen nach dem Mauerfall von 1989 und der Gegenwart miteinander zu verweben. Alltagsleben heute und damals werden so plastisch geschildert wie die Aufdeckung der Stasi-Verstrickung einer Freundin. Der Blick in die Vergangenheit wühlt Astrid so auf, dass sie Paul nicht mehr außen vor lassen kann. Sie muss von Julius erzählen, auch wenn sie keine Ahnung hat, wie er darauf reagieren wird.

Gregor Sander: Was gewesen wäre. Wallstein Verlag, Göttingen, 235 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-8353-1359-0