Berlin - Die Australierin Anna Funder kam vor 27 Jahren das erste Mal nach Berlin. Fortan ließ die Stadt sie nicht mehr los. Die Autorin widmet sich besonders den dunklen Seiten der deutschen Geschichte.

"Stasiland", ihr erstes Buch, wurde hoch gelobt. In ihrem neuen Roman "Alles was ich bin" erzählt Funder nun vom Widerstand gegen die Nazis. "Mich interessiert das Heldentum, das in solchen dunklen Zeiten hervorkommt", sagte Funder der Nachrichtenagentur dpa.

Frage: Sie haben über die Stasi geschrieben, Ihr neues Buch dreht sich um den Widerstand gegen Hitler. Was interessiert Sie an den dunklen Seiten der deutschen Geschichte?

Antwort: Mich interessiert das Heldentum, das in solch dunklen Zeiten hervorkommt. Nur in Extremsituationen kommt dieser extreme Mut heraus. Dann sind die Geschichten am einfachsten zu sehen. Und ich liebe die deutsche Sprache und Deutschland. Wenn ich statt Deutsch Chinesisch oder Russisch gelernt hätte, könnte ich genau die gleichen Geschichten schreiben, leider. Diese Courage gibt es überall.

Frage: Eine zentrale Figur in "Alles was ich bin" ist Ernst Toller. Er war seinerzeit sehr bekannt, heute allerdings kaum noch. Warum?

Antwort: Er kämpfte für politische Ziele, die heute weitgehend vergessen sind, etwa die Räterepublik in München. Dann gibt es seine Kunst, seine Theaterstücke und seine Autobiografie. Damals waren die Theaterstücke fantastisch, weil sie den Menschen den Spiegel ihrer Zeit vorgehalten haben. Aber sie passen nicht in die heutige Zeit.

Frage: Der Roman basiert auf wahren Begebenheiten. Sie versuchen, die Umstände des Tods von Dora Fabian und Mathilde Wurm zu klären. Am Ende listen Sie Ihre Quellen auf. Warum haben Sie diesen Weg gewählt?

Antwort: Manche denken, es sei ein Roman mit Notizen am Ende. So sehe ich das nicht: Die Notizen sind Teil des Buchs. Ich wollte wirklich ehrlich damit umgehen und zeigen, was die geschichtlichen Quellen sind, was die Fakten sind, und was mein Erzählung ist.

Frage: Wenn jemand diese Quellen durchgehen und eine andere Version der Geschichte finden würde, würde Sie das freuen oder ärgern?

Antwort: Ich wäre erfreut. Aber der Roman steht für sich alleine. Er besteht nicht darauf, dass das die Wahrheit ist. Wenn Sie einen Fall beweisen wollen, schreiben Sie keinen Roman. Dann schreiben Sie einen Bericht. Aber ich denke, ich habe beides getan.

ZUR PERSON: Anna Funder (geb. 1966) ist eine australische Schriftstellerin. Als Studentin kam sie Anfang der 1990er Jahre das erste Mal nach Berlin. Für ihr Sachbuch "Stasiland" sprach sie mit Opfern und ehemaligen Stasi-Mitarbeitern. "Alles was ich bin" ist ihr erster Roman.