Zürich - Vom Büchner-Preis bis zum Bundesverdienstkreuz - Adolf Muschg hat so viele Auszeichnungen erhalten, dass ihm eigentlich nur noch zwei fehlen: der Literaturnobelpreis und die Ehrenbürgerwürde seiner Wohngemeinde Männedorf am Zürichsee. Letztere bekommt er nun zu seinem 80. Geburtstag am 13. Mai.

Und sollte es mit dem Nobelpreis gelegentlich auch noch etwas werden, dann durchaus zu Recht: Schon lange ist der 1934 in Zollikon als Sohn einer Krankenschwester und eines strengen evangelisch-reformierten Lehrers geborene Schweizer einer der bedeutendsten Schriftsteller deutscher Sprache und einer der wichtigsten Intellektuellen Europas.

Sein Werkverzeichnis umfasst weit über 50 Titel. Vom hochgelobten, bis heute lesenswerten Erstling "Im Sommer des Hasen" (1965) über große Romane wie "Albissers Grund" (1974) und "Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzival" (1993) oder auch "Sutters Glück" (2001) sowie Essays und Theaterstücken bis zu seinem bisher letzten Roman "Löwenstern" (2012).

Er ist Meister der stilsicheren Gratwanderungen zwischen Wirklichkeit und Fantasie, zwischen Wissenschaft und Dichtung. Am eindrucksvollsten und schönsten hat der Autor diese verschiedenen Horizonte in seiner Parzival-Interpretation miteinander verbunden. "Überaus kunstvoll hat sich Muschg hier seine eigene mittelalterliche Sprache erschrieben, unterlegt mit imposanten wissenschaftlichen Erkenntnissen der Epoche", lobt das Standardwerk "Schweizer Literaturgeschichte".

Der Roman gilt vielen nicht allein als Opus magnum des Schweizers, sondern auch als ein Hauptwerk der europäischen Literatur der 90-er Jahre. Als Muschg für den "Roten Ritter" den Büchnerpreis erhielt, den bedeutendsten Literaturpreis im deutschen Sprachraum, verglich er dies augenzwinkernd, aber ganz zu Recht mit einem Ritterschlag.

Meisterlich war Muschg mit dem Parzival-Stoff gelungen, was er auch später oft schaffte: Antworten auf Fragen der Gegenwart in historischen Epen und Begebenheiten zu finden. Dabei wirken viele seiner Erkenntnisse so aktuell, als seien sie gerade erst gewonnen worden. Gut nachlesen lässt sich das in der Sammlung von Reden und Essays "Im Erlebensfall", die der Verlag C.H. Beck zum 80. Geburtstag des Autors zusammengestellt hat.

Da wäre etwa die Denkschrift "Gibt es eine europäische Identität?" aus dem Jahr 2007. Wenige Tage vor der Europawahl ist ihr kaum etwas hinzuzufügen: Europa, ein Kontinent, der aufgeblüht ist, aber nicht zu sich selbst findet. "Bei Licht betrachtet, ist er fast ein Riese - aber er weiß mit seinem Glück erstaunlich wenig anzufangen, es beflügelt ihn nicht zu frischen Taten."

Muschg ist nicht nur ein Kenner und Bewunderer Japans, wo er einige Zeit lebte, sondern auch ein überzeugter Europäer. Der Schweizer ist für die EU, "weil ich sie für das Beste halte, was Europäer aus dieser Geschichte für die Zukunft machen konnten".

Nationalkonservativen und Rechtspopulisten in seiner Heimat sind solche Bekenntnisse ein Dorn im Auge. Auch nehmen manche Muschg übel, was er nach dem Ja der Eidgenossen zur Beschränkung der Zuwanderung im Februar erklärte: er empfinde "ein Stück Scham", das Abstimmungsergebnis sei Ausdruck eines "tiefen Mangels an kosmopolitischer Substanz".

Dass Muschg angefeindet wird, konnte allerdings kaum ausbleiben, seit er nach dem Tod von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt zum wohl schärfsten Kritiker der Eidgenossenschaft unter ihren Literaten wurde. Schon vor Jahren hatte ihn Christoph Blocher, der Milliardär und Zugvater der Schweizerischen Volkspartei (SVP), zum "landesverräterischen Volksfeind" erklärt. Muschg reagierte kämpferisch mit dem Buch "O mein Heimatland!", das auch zum Plädoyer für eine offenere Auseinandersetzung mit der Rolle der Schweiz in der Zeit des "Dritten Reiches" geriet.

Auch in Deutschland scheute der streitbare Literat, der von 2003 bis 2005 Präsident der Berliner Akademie der Künste war, keine Kontroverse. Als der Suhrkamp-Verlag, wo die meisten seiner Werke erschienen, 2009 den Umzug von Frankfurt nach Berlin bekanntgab, wechselte Muschg empört zu C.H. Beck nach München. Berlin sei immer noch eine "provinziellere Stadt" als viele kleinere Orte.

Seine eigene Rolle in der Gesellschaft beschrieb Muschg im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa einmal so: "Man sät in den Wind und hofft, dass ein Samen auf die richtige Erde fällt." Selbst wenn man an Missständen nichts ändern könne, sei dies kein Alibi dafür, nichts zu tun.