New York - Mit Eric Carles größtem Erfolg, der "kleinen Raupe Nimmersatt", sind Generationen von Kindern groß geworden. Doch das für ihn wichtigste Buch des deutsch-amerikanischen Kinderbuchautors ist nur ein paar Monate alt.

"Freunde" ist ein bisschen melancholisch und ohne Happy End. Das holte jetzt das Leben nach - mit einer Wendung, die sich kein Drehbuchautor hätte ausdenken dürfen.

"Es waren einmal zwei Freunde, die waren ständig zusammen", beginnt das Buch mit den typischen Carle-Zeichnungen. Doch eines Tages war das Mädchen weg. Der Junge sucht sie verzweifelt, schwimmt durch Flüsse und übersteigt Berge und am Ende des Buches findet er sie und die beiden heiraten. Ende gut, alles gut.

Aber das ist ja noch gar nicht das Ende. Ganz hinten ist ein Foto im Buch. Zwei kleine Kinder umarmen sich. "Juni 1932" steht darunter, auf Deutsch. "Ich war drei Jahre alt, sie auch", schreibt Carle zum Bild. "Meine deutsche Mutter hat das Bild aufgenommen... Als ich sechs war, zogen wir weg. Wir haben uns nie wieder gesehen. Ich denke oft an meine Freundin und was wohl aus ihr geworden ist."

Carle wurde 1929 in Syracuse, vier Autostunden nordwestlich von New York, geboren. Sechs Jahre später gingen seine deutschen Eltern zurück nach Deutschland - und bereuten es bitter. "Gleich in der ersten Woche wurde ich vom Lehrer dreimal auf die Hände geschlagen", erzählte Carle der Nachrichtenagentur dpa von seinen Erinnerungen. Sein Vater musste später in den Krieg ziehen und kam als Wrack aus russischer Gefangenschaft zurück.

"Nach der harten Bestrafung bestimmten Furcht und Angst meine Erziehung. Bis ich acht Semester bei Prof. Ernst Schneidler an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart studierte", sagt Carle. "Das waren die prägendsten und glücklichsten Jahre und ich werde immer dankbar sein." Und offenbar waren sie auch erfolgreich. Denn Carle wurde nach seiner Rückkehr in die USA 1952 Grafikdesigner bei der "New York Times" und Art Director bei einer Werbeagentur - und dann einer der erfolgreichsten Kinderbuchautoren unserer Zeit.

Und dann war da dieses Fotoalbum seiner Eltern aus der Zeit in Syracuse. Immer wieder schaute Carle das Bild "vom Mädchen mit dem Mona-Lisa-Lächeln" an. Es ließ ihn nicht los und so entstand das Buch über ewige Freundschaft. Und das Mädchen, das er nie wieder sah.

Bis er fast 85 Jahre alt wurde. Vor wenigen Wochen ereignete sich das, was Carle sein Osterwunder nennt. Eine Frau rief an und sagte, das Mädchen vom Bild könne ihre Mutter sein. Florence, damals "Flo" genannt. Flo ist inzwischen 85 Jahre alt - und hat ein Foto, das fast wie Carles aussieht. Da sitzen die beiden im Gras, er in kurzen Hosen, sie im weißen Kleidchen - und lächeln fröhlich. Beide Bilder entstanden wohl am selben Tag und überlebten mehr als 80 Jahre.

"Wir sind uns völlig unbekannt. Und trotzdem war da eine Verbindung", erzählt Carle nach einem ersten Telefonat mit "Flo", die heute Ms. Florence Trovato heißt. "Sie wirkte etwas zurückhaltend und überrascht, aber freute sich, von mir zu hören." Beide wollen sich möglichst rasch treffen. "Ich bin so aufgeregt", sagt der fast 85 Jahre alte Mann, "es ist einfach ein Wunder". Am meisten verblüfft ihn der Nachname seiner italienischstämmigen Freundin: "Trovato" heißt auf Deutsch "gefunden"!