Berlin - Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Ein Jahr ist es her, dass der Suhrkamp Verlag vorläufige Insolvenz anmeldete. Drei Monate später wurde das Verfahren offiziell eröffnet.

Das traditionsreiche Haus, das über Jahrzehnte die intellektuelle Debatte in der Bundesrepublik geprägt hatte, sollte vor dem Aus stehen?

In Wahrheit war es ein ausgeklügelter Schlachtplan. Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz, die Witwe des legendären Firmenpatriarchen Siegfried Unseld (1924-2002), erhoffte sich von dem spektakulären Schritt einen Befreiungsschlag gegen ihren langjährigen erbitterten Konkurrenten, Miteigentümer Hans Barlach.

"Die Geschäftsführung geht davon aus, dass das Verfahren innerhalb weniger Monate erfolgreich abgeschlossen sein wird", erklärte das Unternehmen am 27. Mai 2013 zuversichtlich.

Und jetzt? Der Verlag, der einst Größen wie Theodor W. Adorno, Christa Wolf und Peter Handke eine geistige Heimat bot, steckt nach wie vor in der Insolvenz. Barlach versucht mit allen Mitteln, den von Verlagschefin Unseld-Berkéwicz vorgelegten Sanierungsplan zu verhindern. Mit seiner Beschwerde hat er es inzwischen durch alle Instanzen zum Bundesgerichtshof in Karlsruhe geschafft. Mit einer Entscheidung wird frühestens im Sommer gerechnet. Solange bleibt alles blockiert.

Der Hamburger Medienunternehmer und Enkel des Bildhauers Ernst Barlach wirft der Verlagschefin vor, die Zahlungsunfähigkeit mutwillig herbeigeführt zu haben, um ihn loszuwerden. "Das ist eine Insolvenz, die es so nicht hätte geben müssen", sagte der Verwaltungsratspräsident von Barlachs Schweizer Medienholding, Rechtsanwalt Carl Ulrich Mayer, der Nachrichtenagentur dpa. Über diese Gesellschaft ist Barlach zu 39 Prozent an Suhrkamp beteiligt, Unseld-Berkéwicz hält 61 Prozent.

Weil die Insolvenz in sogenannter Eigenverwaltung läuft, ist die Verlagschefin weiter für das Unternehmen verantwortlich, die dreiköpfige Geschäftsführung mit ihr an der Spitze wird jedoch von dem gerichtlich bestellten Sachwalter Rolf Rattunde überwacht. "Es läuft wie erwartet alles ordnungsgemäß. Es passiert, was passieren muss", sagte Rattunde der dpa. "Wir müssen jetzt auf die Entscheidung des Bundesgerichtshofs warten."

Für die praktische Arbeit im Verlag hat die Hängepartie nach Angaben des von der Geschäftsführung eingesetzten Generalbevollmächtigten Frank Kebekus kaum Auswirkungen. "Die Gespräche mit den Autoren, das Aufstellen des Programms - das ist alles business as usual", betont der Düsseldorfer Anwalt auf Anfrage. "Trotzdem ist es ärgerlich, so viel Zeit zu verlieren. Denn alle Experten sind klar der Meinung, dass der Verlag am Schluss gewinnt."

Eng könnte es allerdings werden, wenn erneut die Autorenhonorare fällig sind. In einer ersten Runde im vergangenen Jahr hatte die Wella-Erbin Sylvia Ströher mit ihrem Mann Ulrich über eine sogenannte Zweckgesellschaft einen Teil der Honorare gezahlt - das Darmstädter Unternehmerpaar ist an einem Einstieg bei Suhrkamp interessiert. "Bei Bedarf müsste der Verlag überlegen, ob man noch einmal nach einem solchen Modell verfährt", so Kebekus.

Auch eine Beteiligung der Ströhers ist erst nach Aufhebung der Insolvenz möglich. Der Sanierungsplan von Unseld-Berkéwicz sieht die Umwandlung des Traditionshauses von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft vor. Bei einer Kapitalerhöhung könnten die Wella-Erben dann Anteile übernehmen. Vor allem aber würde Miteigentümer Hans Barlach weitreichende Mitspracherechte verlieren. Und das ist das eigentliche Ziel des Plans.