Darmstadt - Schon als Jugendlicher packte den Schriftsteller Jürgen Becker der Drang, seinen Gedanken mit Worten Ausdruck zu verleihen.

"Ich merkte, das sind nicht nur augenblickliche Stimmungen, sondern das war etwas, das in mir drin ist", sagte der diesjährige Georg-Büchner-Preisträger am Freitag im Interview der Nachrichtenagentur dpa. Gegenwärtig schreibt er wieder an einem Buch, das er in diesem Jahr fertigstellen will.

Frage: Als Kind haben Sie von 1939 bis 1947 in Thüringen gelebt. Welche Bedeutung haben diese Jahre für Ihr Werk?

Antwort: Je älter ich werde, hat die Kinderzeit eine immer stärkere Bedeutung bekommen. Vor allem mit dem Fall der Mauer und der Deutschen Einheit. Das hat mich sehr verändert, dadurch habe ich meine Kinderzeit in Mitteldeutschland quasi wiederentdeckt. Ich bin nie in der DDR gewesen und erst nach dem Mauerfall an all die Orte und die Gegenden zurückgekehrt, wo ich als Kind gewesen bin. Ich habe entdeckt, dass es eine abgeschnittene Kinderzeit war, die ich zwar im Kopf hatte, aber die ich konkret nicht mehr erfahren konnte. Das habe ich dann nachgeholt.

Frage: Nach Ihrer Rückkehr aus Erfurt haben Sie als Jugendlicher mit dem Schreiben angefangen. Wie genau kam es dazu?

Antwort: Das war im Garten der Großeltern nachts und ich saß im Birnbaum. Da gingen mir plötzlich Verse durch den Kopf. Ich bin in mein Zimmer gegangen und habe sie aufgeschrieben. Das war nur eben so ein sonderbarer Ort, eine sehr schöne Mainacht. Ich hatte ein Gedicht von Lenau im Kopf - "Lieblich war die Maiennacht", und dann auf einmal kamen eigene Verse dabei raus. Ich merkte, das sind nicht nur augenblickliche Stimmungen, sondern das war etwas, das in mir drin ist. Da will etwas zur Sprache kommen, da will etwas ausgedrückt werden. Das hat sich gehalten, ich habe einfach weitergeschrieben.

Frage: Welche Motivation treibt Sie beim Schreiben an?

Antwort: Dieses Verlangen ist seit Jahrzehnten da, die Wirklichkeit, in der ich lebe, sprachlich zu erfassen. Es ist so, dass ich spüre: Da will etwas geschrieben werden. Da schreibt etwas in mir. Und jetzt muss ich herausfinden, was ist das für ein Text, der da in mir entsteht. Ich schreibe dann eigentlich, um herauszufinden, was mich zum Schreiben gebracht hat. Wie dieser noch im Dunkeln liegende Text lautet.

Frage: Ihre frühen Werke wie "Felder" lassen sich keiner literarischen Gattung zuordnen. Warum haben Sie damals Lyrik und Prosa verschmelzen lassen?

Antwort: Als ich anfing zu schreiben, da habe ich eigentlich nur nachgemacht oder kopiert. Ich habe mich angepasst an das, was ich in der Literatur vorfand. Ich merkte dabei, dass ich nach Mustern schreibe und dass es nicht meine eigene Stimme ist. Das war der entscheidende Vorgang: Dass ich herausfinden musste, was meine Stimme ist. Und dabei waren mir plötzlich die Gattungen im Wege. Die Vorentscheidung, dass ich sagen musste, ich schreibe ein Gedicht oder ich schreibe ein Prosastück. Das interessierte mich nicht. Ich wollte schreiben, ich wollte mit der Sprache etwas machen.

An welchen Projekten arbeiten Sie zur Zeit?

Antwort: Zur Zeit arbeite ich an einem neuen Buch, so eine Art Journalroman. Ich nenne es "Journal der Augenblicke und Erinnerungen". Es hat den Titel "Was wir noch wissen". Das ist ein Buch, mit dem ich in diesem Jahr fertig werden möchte.

ZUR PERSON: Der Schriftsteller Jürgen Becker (81) hat sich als Lyriker, Prosa-Autor und Verfasser von Hörspielen einen Namen gemacht. Er lebt mit seiner Frau, der Künstlerin Rango Bohne, in Odenthal bei Köln.