Istanbul - Das oberste Gericht der Türkei hat die heftig umstrittene Verurteilung der Schriftstellerin Pinar Selek (42) zu lebenslanger Haft aufgehoben. Das Kassationsgericht in Ankara machte Formfehler geltend und gab damit der Berufung Seleks statt, wie türkische Medien am Mittwoch berichteten. Der Fall werde vor einem Gericht in Istanbul neu verhandelt.

"Wir sind erleichtert. Das ist ein unerhörter Justizskandal, der sich über 16 Jahre hingezogen hat", sagte die Generalsekretärin des Schriftstellerverbands von PEN-Deutschland, Regula Venske, der Nachrichtenagentur dpa. Selek lebte von Dezember 2009 bis November 2011 als PEN-Stipendiatin in Berlin.

Die kritische Soziologin Selek wird als Bombenlegerin beschuldigt, seit es 1998 auf einem Markt in Istanbul zu einer Explosion mit sieben Toten kam. Selek wies die Vorwürfe zurück. Sie wurde angeklagt und zweieinhalb Jahre inhaftiert. Nach eigenen Angaben wurde sie damals schwer misshandelt.

Nach drei Freisprüchen wurde die heute im französischen Exil lebende Autorin im Januar 2013 in Abwesenheit von einem Istanbuler Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Der bisherige Verlauf der Prozesse hatte international Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit in der Türkei genährt.

Bei der Urteilsverkündung in Ankara hätten ein Dutzend Unterstützer von Selek laut im Gerichtssaal gejubelt, sagte Imre Török, Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller, der den Prozess beobachtete. Selek beschäftigte sich in ihren Büchern und Artikeln mit der türkischen Friedensbewegung, dem Kurdenkonflikt, Frauenrechtsthemen und Militarismus.