Klagenfurt - Die "Literaturarena" beim Ingeborg-Bachmann-Preis im österreichischen Klagenfurt wird geliebt und gefürchtet. Karrieren junger Schriftsteller bekommen hier vor dem Publikum und den Kameras den entscheidenden Anschub oder herbe Dämpfer. Am zweiten Tag des Lesewettbewerbs nahmen die diesjährigen Jury-Urteile an Schärfe zu. Doch auch mit Lob wurde am Freitag nicht gespart.

Zum Auftakt erntete die in Berlin lebende Autorin Anne-Kathrin Heier mit ihrem Text "Ichthys" höchst unterschiedliche Reaktionen. Ausgehend von einem Streit auf offener Straße werden darin eine Reihe von Reflexionen über Menschlichkeit ausgelöst. "Ein ziemliches Wagnis, mit einem sprachlich derart schwachen Text zu diesem Wettbewerb zu kommen", sagte die Jurorin Hildegard Elisabeth Keller. Einen "rätselhaften" Beitrag sah ihr Kollege Hubert Winkels. Der Literaturprofessor und Juror Arno Dusini erkannte hingegen einen "ernsthaften und konsequenten" Text.

Auch die österreichische Schriftstellerin Birgit Pölzl konnte die Jury mit ihrem Text "Maia" nicht wirklich überzeugen. "Esoterischen Kitsch" sah Jurorin Heike Feßmann in der Schilderung einer Reise zur Trauerbewältigung - begleitet von einigem Publikumsapplaus. "Einige schöne Passagen" entdeckte hingegen die Literaturkritikerin Daniela Strigl.

Viel Lob bekam am zweiten Lesetag der in Sri Lanka geborene und in Berlin lebende Senthuran Varatharajah mit seinem literarischen Facebook-Chat. Er mauserte sich damit zu einem Geheimfavoriten für den mit 25 000 Euro dotierten Preis. Als einziger der 13 Teilnehmer hat Varatharajah bislang keine einzige literarische Veröffentlichung vorzuweisen - in vergangenen Jahren eine Voraussetzung, um überhaupt am Wettbewerb teilnehmen zu können. Eine "aktuelle Kommunikationsform gegen den Strich gebürstet", kommentierte der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen das Werk.

Auch der Schweizer Autor Michael Fehr beeindruckte die Jury am Freitagnachmittag mit seinem Text "Simeliberg". Der blinde Schriftsteller bekam dabei das eigene Manuskript über Kopfhörer vorgelesen und trug es dann in stark schweizerisch gefärbtem Deutsch vor. Eine "perfekte Struktur", sah Juror Hubert Winkels in der Geschichte, in der allerlei skurrile Gestalten in einem Schweizer Dorf beschrieben werden. Den Lesevortrag als auch den Text der ebenfalls aus der Schweiz stammenden Autorin Romana Ganzoni bewertete die Jury hingegen negativ.

In den vergangenen Jahren hatte es mehrmals Kritik an den teilweise harschen Urteilen der Jury gegeben. Als unappetitlich und entwürdigend hatten Autoren das Wettlesen bezeichnet. In diesem Jahr regte sich hingegen noch kein größerer Protest gegen die öffentlichen Juroren-Diskussionen.

Autorin Karen Köhler aus Hamburg sorgte hingegen für einen Höhepunkt anderer Art. Krankheitsbedingt hatte sie ihre Teilnahme am Wettbewerb kurzfristig abgesagt, ihr Verlag organisierte am Donnerstag spontan eine Solidaritätslesung in Klagenfurt. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bezeichnete Köhlers Erzählung "Il Comandante" anschließend als den "besten Text des ersten Vorlesetags". Den Preis kann Köhler den Regeln nach jedoch nicht gewinnen.

Nach heftigen Diskussionen im vergangenen Jahr um ein Ende des Lesewettbewerbs scheint die Zukunft des Literaturspektakels vorerst gesichert. Es sei gelungen, die Finanzierung mit Hilfe von Kooperationspartnern auf eine solide Basis zu stellen und langfristig abzusichern, sagte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz bereits vor Beginn der Veranstaltung. Das 1977 ins Leben gerufene Event wird finanziell hauptsächlich vom Österreichischen Rundfunk getragen.

Der mit 25 000 Euro dotierte und nach der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926-1973) benannte Preis soll am Sonntag verliehen werden.