Berlin - Sie gilt als Wunderkind der französischen Literatur, Marie NDiaye veröffentlichte bereits mit knapp 18 Jahren ihren ersten Roman.

Geboren wurde sie 1967 in der Nähe von Orléans als Tochter einer Französin und eines Senegalesen. Nach dem frühen Debüt folgten zahlreiche Romane und Theaterstücke, 2009 gewann NDiaye für "Drei starke Frauen" den renommierten Prix Goncourt.

In ihren neuen Roman "Ladivine" entfaltet die Autorin, die seit einigen Jahren in Berlin lebt, ein verstörendes Psychogramm, das sich über vier Generationen erstreckt. "Familiengeschichten finde ich sehr interessant, sie sind ein Kondensat der Welt", so erklärte sie ihre Motive im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Der Roman beginnt sehr kompakt mit der Beziehungsgeschichte einer alleinerziehenden farbigen Mutter, die sich als Putzfrau und Kindermädchen über Wasser hält, und ihrer einzigen Tochter Malinka, die sich für ihre Herkunft schämt und die eigene Mutter verleugnet. Selbst ihren Namen legt Malinka ab, nennt sich ab dem 16. Lebensjahr Clarissa. Ihrem zukünftigen Ehemann Richard sagt sie, dass ihre Mutter gestorben sei. Von Schuldkomplexen geplagt, besucht Clarissa einmal im Monat heimlich die Verlassene, die sie früher oft nur die "Dienerin" genannt hat: "Eine dunkle Blume ohne Lebensberechtigung."

Das ist schon sehr stark, wie Marie NDiaye mit großer erzählerischer Wucht bis in feinste psychologische Verästelungen hinein dieses von Schuld und Scham geprägte Verhältnis ausbreitet. Niemand kommt aus seiner Rolle raus, jeder trägt eine Maske, das Verhängnis hängt wie ein Fluch über der Familie. Kafka lässt grüßen. Clarissas Ehe scheitert und eine neue Beziehung führt zur Katastrophe.

Im zweiten, schwächeren Teil des Romans erzählt NDiaye die freudlose Ehegeschichte von Clarissas Tocher Ladivine, die mit ihrem deutschen Mann Marko und zwei Kindern in Berlin lebt. Schon als Baby hatte Ladivine, die Göttliche, einen geheimnisvollen Kontakt zu einem Wolfshund. Die erwachsene Frau wird oft von Hunden begleitet, die ihr aber keine Furcht einjagen, sondern sie eher zu beschützen scheinen. Als die Familie während eines chaotisch verlaufenden Afrika-Urlaubs am Rande des Nervenzusammenbruchs steht, kommt Ladivine wiederum ein Hund zur Hilfe.

Jetzt dominieren diffuse übernatürliche Mächte den Roman, statt psychologischem Scharfsinn regiert das Unnennbare, "die Fleischwerdung von Schatten", und leider bedient die Autorin auch etliche Klischees über den "dunklen Kontinent" Afrika.

Trotzdem ist Marie NDiaye ein starkes Psychogramm psychischer und physischer Verstörung gelungen. Am Ende kehrt der Roman zum Ausgangspunkt zurück, zur alten, verlassenen Mutter, deren Vornamen wir erst ganz spät erfahren. Sie lebt seit vielen Jahren in Gesellschaft ihrer Porzellanfiguren. Sieht so das Glück aus?

Marie NDiaye: Ladivine, Suhrkamp Verlag Berlin, 445 Seiten, 22.95 Euro, ISBN 978 3-518-42426-1