London - Virginia Woolf (1882-1941) passt in keine Schublade. Mehr als 70 Jahre nach ihrem Freitod in den Kriegswirren von 1941 gibt die englische Schriftstellerin immer noch Rätsel auf. Wie gut kennen wir die wegweisende Literatin wirklich?

Die National Portrait Gallery in London unternimmt in einer neuen Ausstellung den Versuch, der weltberühmten Autorin über Bilder, Fotos, Tagebucheinträge und anderes Archivmaterial näherzukommen. Woolfs letzter Brief an ihre Schwester, der Malerin Vanessa Bell, und ihr zurückgelassener hölzerner Spazierstock gehören zu den mehr als 100 Exponaten.

Virginia Woolf, elegant, modebewusst, am modernen Leben interessiert, war eine scharfsinnige, oft auch scharfzüngige Beobachterin ihrer Zeit. Sie wird häufig als eine von Depressionen geplagte Intellektuelle, Feministin und Pazifistin - und jüngst sogar als mögliches Missbrauchopfer - vorgestellt. Mit dieser oft einseitigen "Berechenbarkeit" der Informationen über Woolf will die Ausstellung aufräumen. "Sie ist aus allen möglichen Blickwinkeln betrachtet worden", sagte Frances Spalding, Woolfs Biografin und Ko-Kuratorin der Ausstellung. "Hinter der Geschichte ihres Lebens steht eine große Verwundbarkeit."

Woolf war 13, als ihre Mutter starb; der geliebte Vater starb 1904 an Krebs. Zwei Jahre später verlor sie ihren älteren Bruder Thoby, über den sie ihren späteren Ehemann, Leonard Woolf, kennengelernt hatte. Über den Spanischen Bürgerkrieg von 1936-1939 wurde Woolf stark politisiert. "Sie verfiel in eine Depression, von der sie sich nie wieder erholte", so Spalding. Weil viele der weltweiten Fans von Woolf der Schriftstellerin zunächst in Bildern begegnen, bevor sie ihre Bücher lesen, sei die Ehrung durch eine Bilder-Ausstellung angemessen, so Spalding. "Wir haben ein stark ausgeprägtes Verlangen, Woolf zu besitzen, ihr näherzukommen."

Eine Reihe fantastischer Porträts von Woolf, die ihre Schwester Vanessa Bell und andere Mitglieder der legendären Bloomsbury-Gruppe malten, bilden das Herz der Schau. Die künstlerischen Arbeiten von Bell, Duncan Grant und Roger Fry, inspiriert vom französischen Impressionismus, beflügelten auch Woolf. "Du bist nicht nur eine große Malerin, sondern auch eine wunderbare Geschichtenerzählerin", sagte Woolf zu dem Ölgemälde ihrer Schwester, das drei Frauen in Konversation zeigt. In Anlehnung an den Originaltitel des Werks, "Drei Frauen", schrieb Woolf: "Ich wünschte, ich könnte drei Frauen in Worten so gut beschreiben."

Über den letzten der drei Ausstellungsräume, der den 1930er Jahren gewidmet ist, verbreitet sich eine düstere Stimmung. Nachdem ihr Neffe, Julian Bell, 1937 im Spanischen Bürgerkrieg umgekommen war, schrieb Woolf: "Manchmal erscheint das Leben solide, und dann wieder sehr unstetig. Von diesen beiden Gegensätzen werde ich verfolgt."

Leonard Woolf, mit dem die Schriftstellerin nicht zuletzt wegen ihrer Liebesbeziehung zu Vita Sackville-West in platonischer Ehe lebte, fand am 28. März 1941 den Spazierstock seiner Ehefrau am Ufer des Ouse-Flusses nahe ihrem Landhaus in Sussex. Es war für ihn das Zeichen, dass sie sich durch Ertränken das Leben genommen hatte. "Ich bin sicher, dass ich wieder verrückt werde. Ich beginne, Stimmen zu hören und kann mich nicht konzentrieren. Ich kann nicht länger kämpfen", schrieb Woolf in dem letzten Brief an ihre Schwester.

Die Ausstellung "Virginia Woolf: Kunst, Leben und Vision" wird vom 10. Juli bis zum 26. Oktober gezeigt.