Weimar - Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek präsentiert sich zehn Jahre nach der Brandkatastrophe wieder als Schmuckstück in Weimars Altstadt. Bis zu 90 000 Menschen kommen jedes Jahr und bewundern den prachtvoll restaurierten Rokokosaal.

Die Lücken in den Bücherregalen sehen sie kaum. 50 000 Bücher waren bei dem Brand unwiederbringlich zerstört, weitere 62 000 durch Feuer, Hitze oder Wasser beschädigt worden. Ersatz und Restaurierung werden noch Jahre in Anspruch nehmen, sagt Bibliotheksdirektor Michael Knoche. "Seit 2004 sind die Menschen im Umgang mit schriftlichen Überlieferungen sensibler geworden." Dieses Erbe in Deutschland müsse aber noch sorgfältiger gesichert werden. An diesem Freitag zieht die Klassik Stiftung auf einer Pressekonferenz in Weimar Bilanz.

Frage: Herr Knoche, vor zehn Jahren haben Sie mit Dutzenden Helfern Bücher aus der brennenden Herzogin Anna Amalia Bibliothek geschleppt, darunter eine wertvolle Luther-Bibel. Welche Erinnerungen und Erfahrungen verbinden sich mit dem 2. September 2004?

Antwort: Die Brandnacht ist mir noch lebendig im Gedächtnis, als ob das Unglück erst einen Tag zurückläge. Es ist seitdem aber auch so viel Positives passiert, dass ich an dieses Unglück nicht nur mit Schrecken, sondern auch mit Dankbarkeit und Zuversicht zurückdenke. Es war zugleich die Erfahrung einer außerordentlichen Hilfsbereitschaft, die in der Brandnacht mit der Bergung der Bücher begann. Sie setzte sich mit Spenden für die Restaurierung und Partnern bei der Restaurierung fort. Das Unglück hat bei Ministerien und Bürgern auch dazu geführt, dass sich eine andere Einstellung zum kulturellen Erbe herausgebildet hat. Jedenfalls ist mein Eindruck, dass man seit 2004 nicht mehr so leichtfertig mit Schätzen in Bibliotheken und Archiven umgeht.

Frage: Wie weit sind Restaurierung und Wiederbeschaffung vorangeschritten?

Antwort: Die bauliche Sanierung ist in drei Jahren perfekt gelungen. Der Wiederaufbau der Büchersammlung ist aber eine sehr viel langwierigere Aufgabe. Meiner Einschätzung nach sind wir mehr als die Hälfte des Weges gegangen und können stolz sein, was wir bisher geschafft haben. 36 000 Bucheinbände sind restauriert. Bei den am schwersten beschädigten Büchern, den sogenannten Aschebüchern, haben wir noch eine Reihe von Jahren zu tun. Zudem haben wir als Ersatz für die 50 000 Totalverluste erst 10 000 identische Bücher auf dem antiquarischen Markt kaufen können, aus ihrem Umfeld weitere 31 000. Bei der Wiederbeschaffung werden wir irgendwann an eine Grenze stoßen, weil viele Bücher Unikate waren. Wir wollen aber das Programm mindestens noch 15 Jahre fortsetzen.

Frage: Wie hoch sind die Mittel, die Bibliothek und Klassik Stiftung dafür zur Verfügung haben?

Antwort: Wir haben dafür seit 2004 insgesamt 38,8 Millionen Euro an Spenden, öffentlichen Zuwendungen und Projektmitteln von Stiftungen bekommen. 20 Millionen Euro sind ausgegeben, 18 Millionen noch übrig. Wir müssen schauen, welche Schwerpunkte nun zu setzen sind. Bei den Brandbüchern haben wir zum Beispiel ein vielversprechendes neues Verfahren ausprobiert, das teilweise Schrift lesbar machen kann, die am Aschenrand liegt. Der handschriftliche Notenbestand der Musikaliensammlung könnte nach jetzigen Überlegungen dafür infrage kommen.

Frage: Wie geht die Forschungsbibliothek, die zum klassischen Weltkulturerbe gehört, mit dem Jahrestag um?

Antwort: Bereits am 29. August eröffnen wir im Renaissanceraum die Ausstellung "Restaurierungen nach dem Brand - Die Rettung der Bücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek". Am 2. September selbst gibt es keine spezielle Veranstaltung. Am 30. August haben wir beim 10. Aktionstag für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts die großen Bibliotheken und Archive in Deutschland zu Gast. Der Aktionstag war als direkte Reaktion auf den Brand in Weimar ins Leben gerufen worden. Dann wird auch ein "Weimarerer Appell mit prominenten Erstunterzeichnern veröffentlicht. Sie setzen sich dafür ein, in gleicher Weise wie die baulichen Denkmäler die gefährdeten Originale der schriftlichen Überlieferungen in Deutschland zu sichern.

ZUR PERSON: Dr. Michael Knoche ist seit 1991 Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Er ist 1951 in Werdohl/Westfalen geboren und studierte Germanistik, Philosophie und Theologie in Tübingen.