Odense "Mistwetter, was?" Am Eingang der Zentralbibliothek im dänischen Odense grüßt an diesem Sonntag ein freundlicher Polizist in Uniform.

Vor den Regalreihen mit Büchern im ersten Stock tasten zwei seiner Kollegen jeden Besucher mit einem Scanner ab, die Damen müssen ihre Handtaschen aufmachen. "Ist das immer so?" fragt eine. - "Nein, das ist nur wegen ihm so." Der Beamte meint Salman Rushdie. Später an diesem Sonntag bekommt der britisch-indische Autor die wichtigste Literaturauszeichnung, die das kleine Dänemark zu vergeben hat - den mit 500 000 dänischen Kronen (rund 67 000 Euro) dotierten Hans-Christian-Andersen-Preis, in Erinnerung an den großen Erzähler. Rushdie traut sich 25 Jahre nach der Todesdrohung gegen ihn wieder ins Rampenlicht. Polizisten sind trotzdem dabei.

"Ich stand unter enormem psychologischen Stress", sagt der 67-Jährige über die Zeit, in der er aus Furcht vor islamistischen Killern im Verborgenen lebte. Angefangen hatte diese Zeit am Valentinstag 1989, als eine BBC-Reporterin Rushdie anrief und ihm die angsteinflößende Nachricht überbrachte: Der iranische Religionsführer Ajatollah Khomeini habe ihn zum Tode verurteilt. Das Werk "Die satanischen Verse" beleidige den Islam und den Propheten Mohammed. In der Folge der Fatwa verübten radikale Islamisten Anschläge auf Rushdies Kollegen, der japanische Übersetzer der "Verse" wurde ermordet. Der Autor selbst hielt sich versteckt, die Polizei schützte ihn.

"Die kleine Attacke auf dieses Buch stand für den Anfang eines der großen Probleme unserer Welt", sagt Rushdie, als er in der Bibliothek in Odense vor der Preisverleihung unter anderem über seine 2012 erschienenen Memoiren ("Joseph Anton" - Rushdies Deckname unter der Fatwa) spricht. Das habe nur damals niemand realisiert. Seine Geschichte sei angesichts dessen ein "Strohhalm im Wind". "Ich schätze, es hat mich einfach nur zuerst getroffen."

Ängstlich wirkt der Mann mit dem verschmitzten Lächeln und wenig Haaren auf dem Kopf nicht mehr. Nein, er strahlt Ruhe aus. "Ihr seht alle nett aus", sagt Rushdie zu den Besuchern, die auf Holzstühlen vor ihm sitzen. Dann liest er aus seinem Abenteuerroman "Luka und das Lebensfeuer" - einem Buch für seinen jüngsten Sohn. Immer wieder zieht er dabei eine Braue hoch. Rushdie ist einer, dem man zuhört.

Für seine "brillante Mischung aus Realismus und Fantasie" und Erzählweise im Sinne Andersens nimmt Rushdie den Literaturpreis aus den Händen von Kronprinzessin Mary entgegen. Es ist einer von vielen, die der Schriftsteller zu Hause im Regal stehen hat. Der Booker Prize gehört dazu. Jüngst wurde ihm der nach dem Literaturnobelpreisträger Harold Pinter benannte Pen-Pinter-Preis zugedacht. Auch in London wird er zur Award-Zeremonie erwartet.

Obwohl die Fatwa 1998 aufgehoben wurde, traute sich Rushdie erst nach und nach wieder häufiger in die Öffentlichkeit. Heute twittert er, pflegt seine Webseite - und besucht Preisverleihungen. So ganz verschwunden ist das mulmige Gefühl aber wohl noch nicht. Auch an den breiten Eingangstüren des Konzerthauses im beschaulichen Odense haben Sicherheitskräfte die Taschen der Ankömmlinge durchleuchtet.