Hamburg - Eine Anzeige für 100 Mark veränderte sein Leben: "Ungewöhnliches Manuskript über Ostpreußen sucht einen Verleger", lauteten die Zeilen.

Von sechs Verlagen erhielt Arno Surminski, der bis dahin in der Rechtsabteilung einer Hamburger Versicherungsgesellschaft arbeitete, eine Antwort. Eine kam vom renommierten Hoffmann & Campe Verlag. "Sie schrieben mir eine wunderbare Erwiderung, lobten das Buch über den grünen Klee", erinnert sich der Autor, der am 20. August seinen 80. Geburtstag feiert, im dpa-Interview. Der Verlag wollte jedoch seinem Autor Siegfried Lenz keine Konkurrenz machen. "Das Schreiben war jedoch so gut, dass ich damit woanders hausieren gehen konnte." Und so erschien sein erster Roman 1974 in einem Stuttgarter Verlag.

Mit dem großen Erfolg von "Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?" hatte Arno Surminski nicht gerechnet. "Ich führe es darauf zurück, dass es eine neue Form des Schreibens über Krieg und Nachkriegszeit war - eben aus der Sicht der Kinder", sagt der in sich ruhende Autor im Garten seines hübschen Reihenhauses im Hamburger Stadtteil Barmbek.

In dem Roman hat Surminski seine eigenen traumatischen Kindheitserlebnisse verarbeitet - von der Flucht mit dem Pferdewagen vor der Roten Armee über den Verlust der Eltern, die von der russischen Geheimpolizei deportiert wurden, bis zum beschwerlichen Weg in den Westen über Berlin, Thüringen bis nach Trittau in Schleswig-Holstein, wo ihn schließlich eine Familie mit sechs Kindern aus seinem Heimatdorf Jäglack aufnahm.

"Viele Leser waren selbst Flüchtlinge und fanden sich in dem Roman wieder - nach dem Motto "Endlich hat einer meine Geschichte aufgeschrieben"", meint der Autor. Das Thema Ostpreußen sei damals von Vertriebenenverbänden besetzt worden - samt mancher Vorwürfe und Forderungen. In seinem Keller stapeln sich rund 50 Ordner mit Leserbriefen von all den Menschen, die ihm geschrieben haben.

2013 hat Surminski sie in dem Band "Jokehnen oder Die Stimmen der Anderen" zusammengefasst. "Man kann an solchen Erlebnissen zerbrechen - aber man kann daraus auch Kraft schöpfen", sagt der Vater von drei erwachsenen Kindern und acht Enkelkindern. "Ich hatte den starken Wunsch, es zu schaffen - und das allen zu zeigen."

Noch heute fährt Arno Surminski regelmäßig mit seiner Frau Traute, die für eine bessere Verständigung Polnisch gelernt hat, ins frühere Ostpreußen. Bereits bei ihrem ersten Besuch 1974 seien sie in seinem Heimatdorf freundlich empfangen worden. "Diejenigen, die selbst viel gelitten haben, sind meistens nicht so vorwurfsvoll gegen die Deutschen wie die, die weniger gelitten haben", ist Surminski überzeugt, der in Polen sehr anerkannt ist und vielfach ausgezeichnet wurde.

Eine aktuelle Ausstellung über sein Leben und Werk im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg (Niedersachsen) ist anschließend auch in Polen zu sehen. "Wichtig ist immer wieder zu schildern, wie man da hineinschlingern kann in so einen Wahnsinn."

Dass er oft als Ostpreußen-Schriftsteller bezeichnet wird, ärgert ihn nicht, auch wenn es ihn nach eigenen Worten "etwas einschränkt". Schließlich hat Arno Surminski noch zahlreiche andere Bücher geschrieben: "Fremdes Land oder Als die Freiheit noch zu haben war" (1980) über sein Leben in Kanada, "Kein schöner Land" (1993) über die deutsche Wiedervereinigung und "Amanda oder Ein amerikanischer Traum" (2009).

Am besten entspannen kann sich der Autor in seinem Sommerhaus in Wacken bei Itzehoe (Schleswig-Holstein). Dann setzt er sich auf seinen Traktor und kümmert sich um seinen Wald, den er selbst gepflanzt hat. Seinen 80. Geburtstag feiert der Jubilar nach: zehn Tage später, am 30. August mit einer großen Familienfeier auf einem Schiff auf der Elbe.