Berlin - Viele Verlage setzen auf alte Bücher im neuen Gewand. Im Herbst erscheint bei Hoffmann und Campe die neue Übersetzung eines Klassikers, den viele nur als Film kennen. "Leb wohl, Berlin" von Christopher Isherwood war die Vorlage für "Cabaret" mit Liza Minnelli.

Der Verleger Daniel Kampa erzählt im Interview der Nachrichtenagentur dpa, ob es wirklich noch echte Wiederentdeckungen gibt und wie sich Klassiker verkaufen.

Frage: Welche Rolle spielen Neuübersetzungen?

Antwort: Eine sehr wichtige: eine alte verstaubte Übersetzung ist wie eine uralte, baufällige Barkasse, auf der niemand einen Fluss überqueren möchte. Neben den Übersetzern gibt es noch wichtige Fährmänner und -frauen, etwa solche, die Klassiker in einen zeitgenössischen Kontext stellen. So hat Clemens Meyer ein Vorwort zu Hans Henny Jahnns "Fluss ohne Ufer" geschrieben und die Berliner Autorin Stephanie Bart ein Nachwort zu "Leb wohl, Berlin". In Stephanie Barts Roman "Deutsche Meister" hat Christopher Isherwood übrigens eine kurzen Gastauftritt. Klassiker sind Bücher, die immer aktuell bleiben, aber jedem etwas anderes bedeuten können. Ein wirklich großes Buch ist wie ein Füllhorn - in dem jede Generation etwas Neues entdeckt. Es ist ein schönes Signal, wenn junge Autoren sich mit älteren Romanen auseinandersetzen.

Frage: Wie wichtig ist die Ausstattung?

Antwort: Klassiker sind Bücher, die herausragen, und die Ausstattung sollte das widerspiegeln. Eine schöne Ausstattung ist dann wie eine Säule auf dem Büchertisch, die den Klassiker inmitten der Konkurrenz der Neuerscheinungen hervorhebt.

Frage: Gibt es heute tatsächlich noch echte Neuentdeckungen von alten Autoren?

Antwort: Natürlich, regelmäßig, denn so viel Gutes ist vergessen. Jubiläen sind oft ein Katalysator für Wiederentdeckungen. Aber auch bei erfolgreichen Neuentdeckungen dürfen Sie nicht an hohe Auflagen denken. Stendhals Bücher wurden zu seinen Lebzeiten so wenig gelesen, dass er seinem letzten Roman, dem Meisterwerk "Die Kartause von Parma" die Widmung voran setzte: "To the happy few". Wenn von einem Klassiker 10 000 Exemplare verkauft werden, ist das ein Wunder. Und das ist kein neues Phänomen. Schon Arthur Schopenhauer beklagte sich: "Das große Publikum meint, es sei mit den Büchern wie mit den Eiern: Sie müssen frisch genossen werden; daher greift es stets nach dem Neuen."

ZUR PERSON: Daniel Kampa, 1970 in Luxemburg geboren, ist seit 2013 Verleger des Hoffmann und Campe Verlags in Hamburg. Zuvor war er 20 Jahre lang bei Diogenes in Zürich. Dort war er laut seiner Vita an der Wiederbelebung von modernen Klassikern wie Georges Simenon, F. Scott Fitzgerald, W. Somerset Maugham oder Evelyn Waugh beteiligt.