Berlin - Schon mehrfach hat Herta Müller ihre Leser in ein heiteres Reich der Schnipsel-Poesie entführt.

Aus Katalogen, Prospekten und Zeitschriften setzt die Literaturnobelpreisträgerin mit Schere und Kleber einzelne Wörter zu wunderbar leichten und skurrilen Reimen zusammen, die oft erst bei näherem Hinsehen ihre subversive Kraft entfalten. "Mein Vaterland war ein Apfelkern, man irrte umher zwischen Sichel und Stern" - knapper kann man die Schikanen des Ceausescu-Regimes in Müllers Geburtsland Rumänien wohl nicht beschreiben.

Jetzt bringt die Autorin ihre Gedichtbilder als Drucke heraus. Bei der Berliner Galerie Lumas stellte die 61-jährige am Donnerstag 20 ihrer Collagen als sogenannte Edition vor - jeweils in einer Auflage von 100 Stück und handsigniert. "Das Vergrößerte hat etwas, was das Original nicht hat. Und ich freue mich, dass die Reproduktion so schön geworden ist", sagte die sonst eher medienscheue Schriftstellerin in einem Pressegespräch.

Die Frage, ob sie als Literaturnobelpreisträgerin einen solchen Schritt nötig habe, weist Müller zurück. Das sei für sie eine "überhebliche Ebene". Stattdessen erzählt sie mit ansteckender Begeisterung, wie aus den ersten handgebastelten Postkarten für Freunde eine Leidenschaft für die Suche nach Wörtern wurde. "Das ist für mich nichts anderes als eine Art zu schreiben."

Aber natürlich hat auch diese Form der Poesie - so wie ihr gesamtes Prosawerk - mit Müllers bedrückenden Erfahrungen in der rumänischen Diktatur zu tun. "Wenn ich hilflos war, wenn ich zu Verhören musste, wenn ich keinen Halt hatte, dann habe ich im Kopf gereimt", erzählt sie. "Wenn man mehrere Stunden gereimt hat, geht der Reim ohne einen selbst."

Auch die Farben in den Collagen sind durch ihre Biografie bestimmt. Rot sei als allgegenwärtiges Symbol der kommunistischen Diktatur für sie noch immer ein Problem, so die Autorin. Und ihr häufiges Gelb erinnere an den 2006 gestorbenen rumäniendeutschen Dichter Oskar Pastior, der sich die Zeit nach dem Tod ohne Schmerzen in dieser Farbe vorstellte.

Ob Herta Müller inzwischen wieder Frieden mit dem langjährigen Freund geschlossen hat? Sein Schicksal in einem russischen Lager war die Grundlage für Müllers nobelpreisgekrönten Roman "Die Atemschaukel". 2010 kamen Vorwürfe auf, der verfolgte homosexuelle Dichter habe sich einst als Spitzel für den rumänischen Geheimdienst Securitate anwerben lassen.

Damals sei die Nachricht natürlich "ein Schock" gewesen, sagt die Autorin. Doch die akribische Sichtung der Akten habe ergeben, dass Pastior innerhalb von zehn Jahren nur sieben Berichte geliefert habe, allesamt harmlos und inhaltsleer.

Nach seinem Tod wurde ein Zettel von ihm gefunden. "Das was auf dem Zettel von Pastior steht - "unschuldig schuldig geworden" - das stimmt", sagt Herta Müller. "Und ich bin sehr froh, dass ich das jetzt weiß."