Wien - Neben Albert Einstein und Charles Darwin ist wohl kaum ein anderer Wissenschaftler derart in der Massenkultur des 21. Jahrhunderts verankert wie der vor 75 Jahren gestorbene Sigmund Freud.

Sein Gesicht mit den dunklen, forschenden Augen und dem weißen Bart kennt fast jeder. Von ihm geprägte oder bekannt gemachte Begriffe wie "narzisstisch", "Verdrängung" und "Trieb" sind Allgemeingut. Doch gleichzeitig ist die wissenschaftliche Leistung des Begründers der Psychoanalyse, der bis zu seinem Tod am 23. September 1939 praktizierte, umstritten.

"Ganze Generationen auch jetziger Hochschullehrer sind damit aufgewachsen, dass die Freudsche Lehre nur Humbug sei", sagt Gerhard Stemmler, Psychologieprofessor aus Marburg. Einer der Gründe dafür ist: Die empirische Basis, auf der Freud seine Lehre zur Erklärung der menschlichen Psyche aufbaute, war nach heutigen Maßstäben lächerlich schmal. Sie umfasste eine sehr überschaubare Anzahl von Patienten, die zufällig den Weg zu ihm in die Wiener Berggasse gefunden hatten. "Das Datenmaterial reicht nicht zur Bestätigung der Theorie", sagt sogar der erklärte Freud-Fan Prof. Thomas Köhler aus Hamburg, Autor des 800-Seiten-Wälzers "Das Werk Sigmund Freuds".

Freuds vielleicht wichtigste Erkenntnis überhaupt - dass die meisten psychischen Probleme in der Sexualität wurzeln - wurde schon von seinem Kronprinzen Carl Gustav Jung angezweifelt. Der Ödipuskomplex? Geht auf ein Kindheitserlebnis Freuds zurück, kann nach heute vorherrschender Meinung aber keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Selbst bei der berühmten "Freudschen Fehlleistung" soll der Meister sich geirrt haben. Freud war der Meinung, dass Versprecher wie "Schwein" statt "Schein" immer verborgene Motive und Haltungen offenbaren. Heute dagegen nimmt man an, dass die meisten Versprecher einfach nur Versprecher sind. So greift das Gehirn bei ähnlich klingenden Fremdwörtern oft auf das bekanntere zurück - und dann kommt statt "ökumenisch" eben "ökonomisch" heraus.

Allerdings gibt es auch abweichende Meinungen. Die Direktorin des Freud-Museums in Wien, Monika Pessler, sagt: "Die Freudsche Fehlleistung ist auch heute noch aktuell, nicht nur sprachlich: Freud schrieb, er habe sich im Urlaub verirrt, weil er länger dort bleiben wollte. Fast jeder von uns hat auch schon einmal einen Schlüssel verlegt und eine Stunde danach gesucht, weil er nicht zur Arbeit gehen wollte." Köhler berichtet, dass er einmal eine unglückliche Beziehung zu einer Charlotte hatte - danach sei er mehrfach nicht mehr auf den Namen des Berliner Stadtteils Charlottenburg gekommen. Für ihn ein klassischer Fall von Verdrängung.

Ein Freudsches Konzept, das heute wieder stärker anerkannt wird als noch vor einigen Jahrzehnten, ist die Macht des Unbewussten. "Wir kennen viele Beispiele, wo unbewusste Vorgänge unsere Einstellungen und unser Verhalten beeinflussen, ohne dass wir unser Verhalten wirklich zutreffend begründen können", erläutert Stemmler. So ist die Werbung ganz auf unterschwellige Beeinflussung ausgerichtet.

Ein Erbe Freuds ist auch die Psychoanalyse als anerkannte Therapie für psychische Störungen. Allerdings sind die weitaus meisten Therapeuten heute keine Freudianer, sondern Verhaltenstherapeuten. Der wichtigste Unterschied: Sie wollen die Probleme des Patienten möglichst schnell beheben - und dafür nicht erst lange Ursachenforschung betreiben, indem sie in seiner Vergangenheit herumstochern.

Unbestritten ist hingegen, dass es oft schon gut tut, über Probleme überhaupt erst einmal offen zu sprechen - dafür muss man nicht krank sein, das gilt für jeden. Auch diese Erkenntnis geht zum Teil auf Freud zurück, der seine Patienten zum Erzählen auf die Couch bat.

"Freuds Lehre des Redens und Zuhörens ist auch heute noch ein Wegweiser für den zwischenmenschlichen Umgang", meint Pessler. Es gab zu seiner Zeit auch ganz andere, sehr menschenfeindliche Erklärungsversuche für die drastische Zunahme psychischer Krankheiten: Demnach waren die vielen Neurosen und Hysterien des "Fin de Siècle" um 1900 Ausdruck einer allgemeinen "Degenerierung" des Erbguts. Freud stellte dagegen nicht die Gene in den Mittelpunkt, sondern die ganz persönliche Lebensgeschichte des einzelnen Menschen.

Schließlich kommt ihm das Verdienst zu, die Sprachlosigkeit des 19. Jahrhunderts bei allem, was mit Sexualität zu tun hatte, überwunden zu haben. Dies konnte ihm nur gelingen, weil er ein brillanter Schreiber war, dessen Bücher bis heute ein großer Lesegenuss sind. Sogar seine erbittertsten Gegner gestehen ihm denn auch zu, dass er den Nobelpreis verdient hätte: nicht für Medizin, wohl aber für Literatur.