Berlin - Heute telefoniere er viel seltener, sagt der einstige DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Templin. Doch damals seien Telefonate mit Gleichgesinnten lebenswichtig gewesen - obwohl die Stasi mitlauschte.

"Ich war mir sicher, dass ich abgehört werde. Da hab\' ich bei jedem Gespräch auch Grüße an die Genossen ausgerichtet", erinnert sich der heute 65-Jährige an sarkastische Schlenker von einst.

Knapp 25 Jahre nach dem Mauerfall wurde am Montagabend in Berlin die Edition "Fasse Dich kurz!" vorgestellt. Der dicke Wälzer ist eine erste Analyse zur Telefonüberwachung von DDR-Oppositionellen. Templin hat an dem Buch mitgearbeitet.

Forscher der Stasi-Unterlagen-Behörde werteten akribisch Zehntausende Abhörprotokolle des Ministeriums für Staatssicherheit aus den 1980er Jahren aus. Bislang waren diese Quellen nur im Ausnahmefall nutzbar. Nun gaben Betroffene ihre Zustimmung - obwohl dadurch auch Details und Schwächen aus ihrem Privatleben sichtbar werden.

Doch flächendeckend habe die Stasi die Telefonate ihrer Bürger nicht überwachen können - wegen des unterentwickelten Netzes. Nur 16 Prozent der Privathaushalte hatten einen Telefonanschluss, wie der Historiker sagt. Die Leute von Stasi-Minister Erich Mielke seien Ende der 80er Jahre in der Lage gewesen, 4000 Anschlüsse gleichzeitig zu kontrollieren - auf Ost-Berlin entfielen allein 1400.

Die Abteilung 26 des Geheimdienst-Ministeriums habe mitgeschnitten, erklärt Mitautor Arno Polzin. Da Kassetten selbst bei der Stasi knapp waren, seien besprochene schon bald neu eingelegt und überspielt worden. Nur zehn Prozent des abgehörten Materials wurde laut den Forschern "verschriftlicht". Extra "Auswerter" überlegten sich dann Strategien gegen Andersdenkende.

In dem Buch ist auch zu erfahren, dass Mitarbeiter der Abteilung 26 ungehindert bei der Deutschen Post in Ost-Berlin ein- und ausgingen. Sie schalteten sich demnach auch in die Telefonleitung der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik. Sobald ein Beschäftigter dort eine Nummer in West-Berlin wählte, sprang ein Tonband mit an.

Der einstige Oppositionelle und heutige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, bekräftigt, jedes Telefonat mit dem Westen sei eine mutige Tat gewesen. Es drohte auch Gefängnis - für ungesetzliche Verbindungsaufnahme gab es bis zu drei Jahre Haft.

Jahn hielt nach seiner Abschiebung aus der DDR von West-Berlin aus den Kontakt zu Gleichgesinnten im Osten und telefonierte nachts auch stundenlang mit Wolfgang Templin. Er habe sich oft gefragt, ob er seine Freunde nicht zusätzlich in Gefahr bringe. "Die Stasi hat aus den Telefonaten genau das rausgenommen, was sie für die Zersetzung brauchte." Über ihn sei in anonymen Briefen gestreut worden, er arbeite für westliche Geheimdienste.

Templin hat unbekannte Anrufe mit Stöhnen oder Beschimpfungen erlebt - die ganze Palette des telefonischen Psychoterrors sei aufgeboten worden, hat er im Buch notiert. Die Oppositionellen waren der Stasi oft einen Schritt voraus und setzten Kuriere ein. Wer aber nur belanglose Gespräche führte, konnte mit Entzug des Telefonanschlusses bestraft werden, schreibt Templin.