Frankfurt/Main - Franz Kafka (1883-1924), einer der Begründer der literarischen Moderne, hat sich in seinen Werken lebenslang mit dem Thema des Ausgeschlossenseins beschäftigt.

Grund dafür sind auch Kindheitserlebnisse Kafkas, wie sein Biograf Reiner Stach argumentiert. Als Abkömmling einer deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie war Kafka schon früh Zeuge antisemitischer Ausschreitungen, wie Stach bei seinen Recherchen über Kafkas Jugend herausgefunden hat.

Der dritte und letzte Band der fast 2000 Seiten umfassenden Biografie wurde am Mittwochabend im Berliner Ensemble vor mehreren Hundert Besuchern vorgestellt. Literaturkritikerin Sigrid Löffler und Schauspieler Ulrich Matthes saßen neben dem Autor auf der Bühne.

Stach knüpft, virtuos und einfühlsam schreibend, an die hochgelobten ersten beiden Bände an. Er verliert aber zugleich nicht die Distanz zum Versicherungsangestellten aus Prag, der seine berühmten Romane ("Der Prozess", "Das Schloss") oft nachts wie in einem Rausch schrieb. Kafka starb im Alter von nur 40 Jahren an Tuberkulose.

Frage: Herr Stach, Sie sind in Ihrem dritten und letzten Band zur Jugend Kafkas zurückgekehrt. Normalerweise fängt damit ein Biograf an. Wieso haben Sie den umgekehrten Weg gewählt?

Antwort: Das ist der schwierigen Quellenlage geschuldet. Für die frühe Zeit Kafkas etwa bis zum 27. Lebensjahr gibt es keine ausführlichen Korrespondenzen und auch keine Tagebücher. Außerdem ist der Nachlass seines engsten Freundes Max Brod wegen eines in Israel anhängigen juristischen Streits immer noch nicht frei. Einige Einblicke in die Tagebücher Brods hatte ich aber, und die waren sehr wertvoll.

Frage: Was ist für Sie die größte Überraschung bei Ihren Recherchen gewesen?

Antwort: Ich habe gelernt, dass es um 1900 alles andere als ruhig zuging, wie gerne behauptet wird. Es gab ständig technische Innovationen - Auto, Telefon, Grammophon oder das Fließband. Das brachte massive Veränderungen in den Alltag der Menschen. Nicht umsonst wurde vom "Zeitalter der Nervosität" gesprochen, und die Provinzstadt Prag wurde davon genauso erfasst wie Berlin oder Paris. Kafka hat sich für diese Neuerungen sehr interessiert, er hat darauf auch literarisch reagiert.

Frage: Kafka hat sich erst während und nach dem Ersten Weltkrieg mit seiner jüdischen Identität intensiver beschäftigt, und er hat an eine Ausreise nach Palästina gedacht, als es in Prag für deutsche Juden immer gefährlicher wurde. Sie haben herausgefunden, dass Kafka auch schon in jungen Jahren Zeuge antisemitischer Übergriffe in Prag gewesen sein muss...

Antwort: Er hat mit 14 Jahren Straßenkämpfe erlebt, die direkt vor der Wohnungstür stattfanden. Die Familie musste tagelang ihr Geschäft verbarrikadieren. Dies geht aus den damaligen Prager Zeitungen hervor. Kafkas Gymnasium wurde so verwüstet, dass eine Woche lang kein Unterricht möglich war. Der deutsche Direktor hat es nicht mal gewagt, dies in seinem Jahresbericht zu erwähnen, weil er Angst vor Wiederholungen hatte. Für Kafka muss dies alles ein lang wirkendes und verstörendes Erlebnis gewesen sein, obwohl er später nie darüber geschrieben hat.

Frage: In welcher Form hat dieses Erlebnis nach Ihrer Meinung Eingang in sein Werk gefunden?

Antwort: Für Juden, die solche Konflikte erlebt haben, war das Problem der sozialen Akzeptanz ein Dauerthema. Der "Schloss"-Roman Kafkas handelt ja von nichts anderem. Jemand wird dort von der Gemeinschaft nicht angenommen, obwohl er eigentlich nur in ihr wohnen und arbeiten will. Diese Zurückweisung kommt bei Kafka oft vor. Da spiegeln sich frühere Erfahrungen wider.

Frage: Aus Kafkas Werken kennen wir seinen Konflikt mit dem Vater, der ein Galanteriewarengeschäft führte. Ist diese Beziehung der Schlüssel zu seiner Jugend?

Antwort: Kafka hatte zwei Probleme. Es gab einmal den groben, übermächtigen Vater, der immer nur drohte, niemals lobte. Das andere war seine Einsamkeit. Das Kind war dauernd allein. Die Eltern waren vom frühen Morgen an im Geschäft, manchmal bis neun Uhr abends. Dazwischen wurde das Kind vom ständig wechselnden Personal versorgt. Das war eine Situation wie bei einem Heimkind.

Frage: Das klingt bedrückend. Wie hat Kafka darauf reagiert?

Antwort: Neben seiner sprachlichen Begabung hatte Kafka eine herausragende Fähigkeit, Leute zu beobachten und zu beschreiben. Ich glaube, dies hängt mit der Ohnmacht des Kindes zusammen. Wenn man in einer Umgebung aufwächst, wo man immer der Schwächste und von launischen Erwachsenen völlig abhängig ist, dann schaut man auf jeden Blick und jede Geste, um einschätzen zu können, was man von ihnen zu erwarten hat. Aus dieser Schwäche hat Kafka eine Stärke gemacht, er hat Empathie und Beobachtungsvermögen entwickelt, die er dann in den Dienst der Literatur stellte.

Frage: Ist die Einsamkeit des kleinen Franz nicht auch eine Erklärung für seine Bindungsängste? Er war ja mehrfach verlobt, aber nie verheiratet...

Antwort: Sicherlich. Er hat nicht gelernt, vertrauensvolle Beziehungen zu entwickeln. Stattdessen hat er viel gelesen und geträumt. Begabte und einsame Kinder können sich wunderbar mit sich selbst beschäftigen, aber sie wissen nicht, wie man Freunde gewinnt. Das war für Kafka immer ein Problem.

Frage: An Ihrer dreibändigen Biografie haben Sie 18 Jahre lang gearbeitet. Wie hat sich Ihre Sicht auf den Menschen Kafka verändert?

Antwort: Am Anfang habe ich Kafka als Persönlichkeit für viel schwächer gehalten. Jetzt sehe ich mehr seine Stärken und bewerte das Umfeld kritischer. Das gilt auch für seinen Freund Max Brod, der Kafka gestützt und gefördert, aber nicht wirklich verstanden hat. ZUR PERSON: Reiner Stach (63) ist promovierter Literaturwissenschaftler. 1987 erschien seine Monografie "Kafkas erotischer Mythos". Seit 1996 arbeitet er an seiner umfassenden Biografie zu Kafka. Die ersten beiden Bände erschienen 2002 und 2008 bei S. Fischer. Der Autor, im sächsischen Rochlitz geboren, lebt in Berlin.

- Reiner Stach, Kafka. Die frühen Jahre, 595 Seiten, S. Fischer Verlag Frankfurt/Main, 34 Euro, ISBN: 978-3-10-075130-0