Stockholm - Knappe Romane und ein fast perfekter Stil: Das mache den Literaturpreisträger Patrick Modiano einzigartig, meint Jury-Chef Peter Englund. Im dpa-Interview erklärt der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, was den Franzosen zu einem würdigen Preisträger macht - und wehrt sich gegen Kritik.

Frage: Was ist so faszinierend an Patrick Modiano?

Antwort: Er ist ein Mann, der kurze Bücher in einer einfachen, klaren Sprache schreibt. Es geht nicht darum, viel Wirbel zu machen, es ist ein sehr reiner Stil. Ich kann mich nicht an einen anderen Literaturnobelpreisträger erinnern, der in so klarem, nahezu perfekten Stil schreibt. (...) Er schreibt diese kleinen, spärlichen, sehr dünnen Bücher und kehrt immer wieder zu denselben Fragen zurück. (...) Als großer Autor kann man ein Nomade sein, der sich zwischen Themen bewegt. Aber er kreist unermüdlich, fast wie ein Besessener, um seine Themen der Erinnerung und Zeit und Identität.

Frage: Sie haben Modiano einen "Marcel Proust unserer Zeit" genannt. Was meinen Sie damit?

Antwort: Man könnte sagen, dass er in die Tradition von Proust gehört. Aber man kann die beiden nicht vergleichen, denn in vielerlei Hinsicht macht er etwas sehr anderes. (...) Ein wichtiges Thema bei Modiano ist das Problem, zurückzugelangen. Du willst zurück, du willst dich dem nähern, was passiert ist, aber du bekommst nie ein klares Bild. Er spielt mit dem Detektiv-Genre: Etwas passiert, ein Rätsel muss gelöst werden, aber das wird es nie.

Frage: Aus keinem anderen Land kommen so viele Nobelpreisträger wie aus Frankreich. Was ist so besonders an französischer Literatur?

Antwort: Ich finde französische Literatur nicht besonders. Natürlich hat Frankreich eine enorm starke literarische Tradition, da kommt man nicht drumherum. Aber sie ist nicht besonderer als andere.

Frage: Patrick Modiano gilt als sehr scheu. Glauben Sie, dass er zur Verleihung nach Stockholm kommen wird?

Antwort: Ich habe keine Ahnung, aber ich denke, es ist möglich. Er ist ein sehr scheuer Mensch, er sucht das Rampenlicht nicht. Aber das hier ist natürlich etwas sehr Besonderes.

Frage: Kritiker sagen, Modiano sei eine unangreifbare Wahl der Jury, aber keine besonders mutige oder politische - wie es etwa die der Weißrussin Swetlana Alexijewitsch gewesen wäre.

Antwort: Wenn wir einen Literaturnobelpreisträger auswählen, geht es nicht darum, Mut zu zeigen, sondern einen Autor zu finden, der preiswürdig ist. Und ich bin ziemlich überzeugt davon, dass Patrick Modiano den Nobelpreis verdient hat.

ZUR PERSON: Der Historiker Peter Englund (57) ist seit 2009 Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie und somit Chef der Jury, die über den Literaturnobelpreis entscheidet. Englund ist Professor am Dramatischen Institut in Stockholm und auch als Schriftsteller tätig.