Frankfurt/Main - Die stille Kunst der Lyrik geht aus Sicht dreier bekannter Kritiker auf der lauten Buchmesse all zu leicht unter.

Bedauerlich, fanden Hajo Steinert, Denis Scheck und Hubert Winkels am Freitag in Frankfurt und legten den Lesern den Lyriker Jan Wagner ans Herz. Seine Texte, zum Beispiel über das Unkraut Giersch, seien "bald so zitabel wie Robert Gernhardt", sagte Scheck.

Als literarische Entdeckungen des Jahres nannte Scheck den jüdischen Autor Scholem Jankew Abramowitsch, genannt "Mendele der Buchhändler" (1835-1917), für dessen Wiederentdeckung sich Martin Walser einsetze. Winkels empfahl den Roman "Am Fluß" von Esther Kinsky. Steinert nannte Botho Strauß\' "Herkunft" "mein Buch der Messe".

Als herausragendes Werk würdigten die Experten Thomas Hettches "Pfaueninsel", das am Ende doch nicht den Buchpreis gewann - vielleicht, so Scheck, weil dort Bücher "mit didaktischem Mehrwert" bessere Chancen hätten als die stilistisch mutigeren.

Den Literaturnobelpreis für den Franzosen Patrick Modiano fanden die Kritiker "eine wunderbare Überraschung" (Steinert). Gegen sein Werk "Place de l\'Étoile" sei Siegfried Lenz\' "Deutschstunde" "schon sehr bieder", sagte Winkels - "eine Zumutung an Langeweile", ergänzte Scheck. Lenz, der am vergangenen Dienstag mit 88 Jahren starb, habe "seine Halbwertszeit schon zu Lebzeiten überschritten".