Berlin - Gleich sein erstes Buch machte ihn bekannt: "Die Verteidigung der Wölfe" erschien 1957, ein eher schmaler Lyrikband. Doch der Tonfall der Gedichte ließ aufhorchen.

Da meldete sich einer zu Wort, der mit Sprache zaubern konnte, Lyrik aber nicht für Zauberei hielt, der kein Loblied auf die blaue Blume sang, aber eine Vorliebe für starke Metaphern und spottreiche Anspielungen zeigte. Seitdem hat Hans Magnus Enzensberger oft von sich reden gemacht, als Intellektueller von Format, politischer Denker, als eine Stimme von Gewicht in vielen Debatten. Am 11. November wird er 85 Jahre alt.

Auf ein literarisches Genre festlegen ließ er sich nie. Die Liste seiner Veröffentlichungen ist lang. Etliche Gedichtbände waren darunter, Kinderreime und Balladen inklusive, aber auch Essays und politische Betrachtungen. Nicht zuletzt mit Literatur hat er sich immer wieder beschäftigt - mit Clemens Brentano beispielsweise, über den er schon seine Doktorarbeit geschrieben hatte.

Enzensberger kam in Kaufbeuren im Allgäu zur Welt und verbrachte seine Kindheit in Nürnberg. Aber sein Horizont hat sich schnell geweitet. Noch im Studium ging er nach Paris. Später lebte er in Norwegen, genauso wie in den USA, in Rom und fast ein Jahr lang in Kuba. Enzensberger war damals Marxist, aber keiner von denen, die auf dem linken Auge blind waren.

In seine Wohnung in Berlin zog 1967 kurzzeitig die Kommune I ein, zu der auch sein Bruder Ulrich zählte. Die Kritik der Kommunarden an der Außenpolitik der USA und am Krieg in Vietnam teilte er, viel mehr verband ihn aber nicht mit ihnen.

Dennoch war er keiner, der sich im Elfenbeinturm verbarrikadierte. Ab Mitte der 1960er Jahre gab er das "Kursbuch" heraus, ein Leitmedium der intellektuellen Linken und der Studentenbewegung. Mitte der 80er Jahre startete er "Die Andere Bibliothek", eine Buchreihe für Bibliophile mit Werken abseits des Mainstreams. Auch solchem Engagement verdankt Enzensberger seine Rolle als einer der wichtigsten deutschen Intellektuellen der Nachkriegszeit.

Heute lebt der Autor in München, nicht weit entfernt vom Englischen Garten. Zur Ruhe gesetzt hat er sich nicht, das war auch nicht zu erwarten. Gerade ist eine neue Anthologie erschienen: "Gedichte 1950-2015" und fast zeitgleich sein jüngstes Werk mit dem bezeichnenden Titel "Tumult". Es ist ein Rückblick auf die 60er Jahre, aber keine Autobiografie. Memoiren à la "Enzensberger - Das war mein Leben" soll es nicht geben, hat er mehrfach betont. Diesem Genre sei einfach nicht zu trauen.