Hamburg - Manche halten ihn für größenwahnsinnig, er selbst sich für genial. Der amerikanische Schriftsteller James Frey wollte ein Universum schaffen - oder zumindest mit seinem neuen Buch "Endgame - Die Auserwählten" das Tor zu einem neuen Literatur-Genre aufstoßen.

Bei seinem Science-Fiction-Bestseller handelt es sich nicht nur um ein Buch, hinter dem 600-Seiten-Werk steht eine Romanfabrik mit Gewinnspiel, App, Handy-Game, Hörbuch, Film, TV-Serie, Internetplattform. "Endgame" ist ein Multimediaprojekt, Frey nennt es "ein Buch für das 21. Jahrhundert".

E-Book-Fortsetzungen erweitern die Handlung des Buches, mehrere YouTube-Videos erzählen die Vorgeschichten der zwölf Protagonisten, die Profile bei Twitter, Facebook und Google Plus haben. Links führen auf Webseiten und Landkarten, die die Handlung im Buch zusätzlich ergänzen. "Dechiffriere, decodiere, interpretiere", lautet der Aufruf auf der ersten Buchseite. Die Leser sollen sich die Lösung des Krimis erarbeiten.

Der Roman soll nicht nur Frey selbst reich machen, sondern auch einen seiner Leser. 500 000 Dollar (rund 397 000 Euro) - ausgezahlt in Goldmünzen - winken dem, der als erster die Lösung findet. Dass "Endgame" zu einer Trilogie anwächst und mit dem Umfang auch das Preisgeld steigt, steht auch schon fest: Beim zweiten Buch wird der Preis bei 1 Million Dollar liegen, beim dritten bei 1,5 Millionen.

Die Idee für das Endzeit-Epos hatte der 45-Jährige bereits vor drei Jahren, die Handlung ist schnell erzählt. Zwölf Meteoriten schlagen fast gleichzeitig an unterschiedlichen Orten auf der Welt ein und überbringen zwölf Auserwählten die Nachricht, die Menschheit vor dem Untergang zu retten.

Diese schier unlösbare Aufgabe der Protagonisten des Frey-Universums ähnelt dem Größenwahn des Multimedia-Buchs. "Ich wollte etwas in einem Ausmaß machen, wie es sich noch nie jemand zuvor getraut und auch gemacht hat", sagte James Frey im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Für die "zusätzliche spielerische Dimension" entwickelte Google zu der analogen Version das virtuelle "Endgame".

Lesern die Literatur über ein Gewinnspiel oder Multimedia-Event schmackhaft zu machen, ist nicht neu. Schon Freys Quelle der Inspiration lockte seinerzeit die Leser mit einem lukrativen Gewinn: "Masquarade" von Kit Williams bot den Lesern 1979 als Preisgeld ein goldenes Häschen im Wert von mehreren Tausend Dollar, sollten sie die Rätsel im Buch richtig deuten. Dass ein Buch aber derart eng mit einem Rätsel und Multimediaspiel verknüpft sei und nicht nur als Reaktion auf den Bucherfolg veröffentlicht wurde, habe es vorher noch nie gegeben, sagt Frey.

Mittlerweile gibt es Comics, bei denen sich die Bilder verschieben lassen und Open-Book-Projekte, bei denen die Leser im Internet über die Handlung mitentscheiden oder mitschreiben können. Bild, Ton und Video sollen den Text dabei nicht nur illustrieren, sondern eine weitere Bedeutungsebene schaffen. In multimedialer Literatur sehen viele Kritiker die Zukunft des angeschlagenen Verlagswesens.

Die Verlage werben mit der neuen Radikalität und Komplexität der Buch-Revolution. In Deutschland ist die "Endgame"-Maschinerie des Verlags "Oetinger" gut angelaufen. Bereits wenige Wochen nach dem Verkaufsstart landete der Roman auf den Bestsellerlisten.

- James Frey: Endgame. Oetinger Verlag, Hamburg, 592 Seiten, 19,99 Euro, 978-3789135224.