Reinbek - Die Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist Absicht, obwohl dem Roman die Bemerkung "Alle Ereignisse und Personen sind frei erfunden" voran gestellt ist - freilich ergänzt mit dem Zusatz "Selbst der Vollmond scheint, wann er will."

Rolf-Peter Becker, hessischer Ministerpräsident, ausgewiesener Flughafen-Befürworter und Dalai Lama-Freund - so heißt Roland Koch in Jan Seghers\' neuem Marthaler-Krimi "Die Sterntaler-Verschwörung".

Seine Gegenspielerin: Sabine Xanthopolous als Andrea Ypsilanti, Sozialdemokratin. Kurz vor dem Erreichen ihres Ziels, Beckers Nachfolgerin zu werden, wird sie scheinbar unvermittelt von vier Abweichlern aus den eigenen Reihen abgeschossen und verschwindet in der politischen Bedeutungslosigkeit. Soweit der Polit-Krimi, der sich 2008 tatsächlich so abgespielt hat.

Im Roman wird mit richtigen Kugeln geschossen - getroffen werden damit ganz andere. Tödliche Verschwörung? Die landespolitischen Vorgänge in Hessen - eine Seite verliert haushoch, die andere gewinnt, und trotzdem gibt es ein Patt - seien für ihn eine Steilvorlage gewesen, sagt Seghers. Spekulationen seien damals ins Kraut geschossen, "und ich dreh\' die Schraube weiter", sagt er der Deutschen Presse-Agentur. Es sei gleich klar gewesen, dass neben Machtstreben und persönlichen Eitelkeiten auch handfeste wirtschaftliche Interessen im Spiel gewesen seien. Solche Vorgänge seien für einen Krimi-Autor ein gefundenes Fressen.

Und so rankt sich das Verbrechen um den politischen Hintergrund. Ein alter Mordfall, den sich Ermittler Robert Marthaler vorgenommen hat, und ein neuer, von dem er nur durch Zufall erfährt. Ein Beamter des Landeskriminalamts verhält sich höchst verdächtig.

Das Marthaler-Team stürzt sich in die Arbeit. Die Ermittlertruppe ist eine verschworene Gemeinschaft, es geht fast wie in einer Familie zu. Niemand schaut auf den Feierabend, alle leiden mit, wenn Marthaler schweren Liebeskummer hat. Und wieder spielt die Journalistin Anna eine Rolle, die schon in "Die Akte Rosenherz" dabei war.

Wie schon in anderen Marthaler-Krimis wird scharf geschossen, in wilder Verfolgungsjagd über Landstraßen gerast, atemlos vor schweren Jungs geflohen. Die Geschichte ist so spannend erzählt, dass die fast 500 Seiten wie im Flug vergehen. An manchen Stellen nicht ganz logisch überzeugend, werden zwei scheinbar vollkommen unterschiedliche Fälle schließlich zusammengeführt, das Dunkel erhellt sich.

Was für ein Mensch Robert Marthaler ist, der als Polizist recht unkonventionell erscheint und nun schon zum fünften Mal auftritt? Wie er selbst habe der Roman-Ermittler eine Abneigung gegen Telefonieren und Autofahren - aber die Figur sei reine Erfindung, sagt Seghers. Bewusst habe er offen gelassen, ob Marthaler dick oder dünn ist und welche Haarfarbe er hat. "Die Leser sollen sich selbst ein Bild machen."

Frankfurt steht als Schauplatz im Zentrum des Geschehens, aber diesmal spielt auch das Umland mit: Wiesbaden, Schwarzenfels im Osten der Metropole und der Taunus. Als Regional-Krimis will Seghers seine Bücher jedoch auf keinen Fall verstanden wissen. "Das ist Fortsetzung der Fremdenverkehrswerbung mit anderen Mitteln. Damit will ich nichts zu tun haben." Aber man müsse einen Ort kennen, um ihn zu beschreiben, sagt der Frankfurter Seghers.

Jan Seghers ist das Pseudonym von Matthias Altenburg, geboren 1958 in Fulda. Als freier Schriftsteller und Journalist lebt er in Frankfurt. Bisherige Seghers-Kriminalromane sind "Ein allzu schönes Mädchen" (2006), "Die Braut im Schnee" (2007), "Partitur des Todes" (2008) und "Die Akte Rosenherz" (2009). Verfilmt wurden die Romane für das ZDF. Altenburg hat Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte studiert und war von 1987 bis 1996 Lektor im Frankfurter Verlag der Autoren.

Jan Seghers: Die Sterntaler-Verschwörung, Kindler Verlag, Reinbek, 496 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-463-40315-1